Nachgetragen Journal mehr oder weniger bedeutender urbaner Begebenheiten

Russische Homosexuelle in Wien fordern: Boykottiert Sotschi nicht!

Politik | BENEDIKT NARODOSLAWSKY | aus FALTER 05/14 vom 29.01.2014

Lange lebte der russische Mathematikstudent Artem Uspenskiy verdeckt, hatte Angst davor, sich als Homosexueller zu outen, weil er befürchtete, von seinen Kommilitonen dafür verdroschen zu werden. Dann wanderte er nach Deutschland aus und hatte sein Coming-out. Aus dem verschlossenen Burschen von einst ist ein selbstbewusster Aktivist geworden. "Jetzt vergleiche ich zwei Welten", sagt Uspenskiy heute, "und ich habe gelernt, dass eine ganz andere Qualität von Leben möglich ist."

Da die Olympischen Winterspiele im russischen Sotschi vor der Tür stehen, rückt auch Russlands Politik in den Fokus der Berichterstattung. Die Situation für Homosexuelle hat sich in den letzten Jahren massiv verschärft. Welche Auswirkungen hat das? Und wie kann man sich solidarisch zeigen? Das wollten Stadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ) und die Wiener Antidiskriminierungsstelle für gleichgeschlechtliche und Transgender-Lebensweisen herausfinden, und luden mit Uspenskiy und der LSTG-Filmfestival-Organisatorin Gulya Sultanova zwei homosexuelle russische Aktivisten ins Rathaus zur Diskussion.

"Das ist jetzt ein Kampf in Russland", sagt Sultanova, "ich bin Realistin und sehe, dass die Kräfte des Staates viel stärker sind." Die Staatspropaganda gegen Homosexuelle läuft auf Hochtouren, angeführt wird sie von Starmoderator Dmitri Kisseljow, der vor kurzem empfahl, die Herzen von Homosexuellen zu verbrennen, damit sie nicht transplantiert werden können. "Aber es hat sich nicht alles verschlechtert", sagt Sultanova, "es gibt viele gesunde Kräfte in Kunst, Kultur, Presse und der Community, die jetzt aktiver werden."

Und wie sollte sich der Westen zu Sotschi verhalten? Kein Boykott, fordern beide Aktivisten einhellig, denn der bringe nichts. "So sehen Russen keine andere Lebensweise", sagt Uspenskiy, "das würde zu noch mehr Abgrenzung führen." Viel besser sei es, wenn Sportler und Sponsoren vor Ort öffentlich gegen Diskriminierung aller Art eintreten würden. F


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