Nüchtern betrachtet

Über die Dialektik der Wiener Gemütlichkeit

Feuilleton | aus FALTER 06/14 vom 05.02.2014

Vor die Wahl zwischen Wien oder Zürich gestellt habe sie, so erzählte mir vor Jahren einmal eine sehr kultivierte Dame, letztlich Zürich den Vorzug gegeben. Ihre Entscheidung begründete sie damit, dass sie die melancholische Grundgestimmtheit, über die sie als Ostlerin verfüge, kaum dazu instand setzte, sich gegen das Angebot schlagobershaften Versinkens, das nun einmal die Spezialität Wiens sei, zur Wehr zu setzen.

Da ist natürlich was dran: Von der Gemütlichkeit zur Ideologie des Immobilismus ist es oft nur zwei Einspänner weit, und die "Schaumamoi"-Mentalität, mit der die Wiener ihre Wurschtig-als Lässigkeit tarnen, kann Menschen, die auch einmal zu Potte kommen, es geregelt und gebacken kriegen wollen, den letzten Nerv ziehen. Es ist vermutlich kein Zufall, dass der ansonsten nicht ganz unblumige Einfallsreichtum des Wiener Dialekts für das semantische Feld des Erledigens und Erreichens nicht eben die üppigsten Bouquets an Synonymen bereithält. Man sollte wohl welche erfinden.


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