Ohren auf Keith Jarrett live

Mit Stöhnen und Schmerzen erhebt er unsre Herzen

Feuilleton | KLAUS NÜCHTERN | aus FALTER 06/14 vom 05.02.2014

Eigentlich ist es ein Wunder, dass das Konzert am 28. Mai 1981 überhaupt über die Bühne des Festspielhauses Bregenz ging. Denn kaum hat Keith Jarrett, den man schon ganze D-274er-Steinways nach Störenfrieden hat werfen sehen, die erste Taste angeschlagen, bricht im Saal ein Abhustwettbewerb aus. Jarrett selbst beginnt aber eh auch bald zu stöhnen; am längsten hält er es bei "Mon cœur est rouge" ohne sein wirklich gotterbärmliches Gegrunze aus: ganze dreieinhalb Minuten.

Jarrett ist Anhänger einer divinatorischen Kunstauffassung: Improvisation ist, wie er im Booklet schreibt, "göttlich", der Pianist das Medium einer Botschaft, "die weit hinausgeht über die eigenen menschlichen Gedanken und Vorstellungen". Diese Botschaften sind, wie die nun auf drei CDs dokumentierten "Concerts Bregenz München" (ECM) belegen, mal leichter, mal schwerer fasslich. In seinem roten Herzen ist Jarrett ja ein Mann der frohen Botschaft, sprich: ein Gospel-Musiker. In dem sofort zuversichtlich stimmenden, handclappingmäßig groovenden "Heartland" ist er am nächsten dran an dem (ihm so teuren) Standard, am Jazz, am Gottesdienst (nördlich der 110th Street).

In den improvisatorischen Endmoränen, die er in den längeren Stücken vor sich herschiebt, nimmt "Jarretts Meta-Eklektizismus" (Peter Rüedi) auch einige Brocken europäischer Konzertmusik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts mit. Jarrett verdichtet, ornamentiert und rhythmisiert recht schlichte Patterns und Motive auf leicht nachvollziehbare Weise, verliert sich ein andermal in Assoziationen und Abstraktionen und drischt mitunter einfach leeres Stroh.

Bei aller Göttlichkeit haftet seiner Performance aber auch etwas von zirkushafter Schaustellerei an: Er turnt am und im Klavier herum (München Part II, 14:28 ff.) oder stampft auf, dass es klingt, als würde er mit Medizinbällen dribbeln.


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