Kunst Kritik

Schattenspiele für den Ethikunterricht

Lexikon | MATTHIAS DUSINI | aus FALTER 07/14 vom 12.02.2014

Die Generali Foundation widmet der deutschen Künstlerin Ulrike Grossarth, Jahrgang 1952, eine Retrospektive. Grossarth begann als Tänzerin und entwickelte im Umfeld von Joseph Beuys eine eigene Ausdrucksform zwischen Performance und Installation. "Die Herstellung von Kunstwerken ist für mich sekundär, was mich interessiert, sind tatsächlich erfahrbare Denkräume", sagt Grossarth. In der sorgsam kuratierten Ausstellung sind Zeichnungen, Fotografien und Filme zu sehen, die die frühen Tanzprojekte dokumentieren. Im Mittelpunkt steht der zentrale Werkkomplex "Bau I" (1989-2000), der im Laufe eines Jahrzehnts entstanden ist und in verschiedenen Arrangements gezeigt wurde. Auf Tischen sind Diaprojektoren, Marmeladegläser und Scherben zu sehen. So möchte die Künstlerin Begriffe wie Schatten, Licht, Spiegel, Objekt und Bild veranschaulichen. Auf den Betrachter wirkt der Raum wie das Labor eines Philosophen.

Der dritte Teil der Ausstellung umfasst Werke über Osteuropa. Die Künstlerin unternahm Studienreisen nach Polen und in die Ukraine. Grossarth lebt derzeit zeitweise im polnischen Lublin, einem ehemaligen Zentrum jüdischen Lebens. Mit dem aus den Ankäufen der Generali Foundation lukrierten Geld will sie hier eine Kabbala-Schule finanzieren. Das jüdische Denken in Paradoxa liefert der Künstlerin ein Modell für die eigene, sich als gesellschaftsverändernd verstehende Arbeit. Eine Serie reproduzierter Bilder erinnert an den Fotografen Stefan Kielszina, der in den 1930er-Jahren die Geschäftsstraßen Lublins dokumentierte. Bunt bedruckte Stoffe, Kleidungsstücke und gemalte Werbetafeln evozieren die von den Nazis vernichtete Welt in Erinnerung, die Handel und Mystik vereinte. Grossarth pädagogische Settings vereinen Geschichte mit Ethik.

Generali Foundation, bis 29.6.


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