Inspektor Handke ermittelt: "Wunschloses Unglück“ als Theater-Krimi

Feuilleton | Theaterkritik: Wolfgang Kralicek | aus FALTER 07/14 vom 12.02.2014

Als Inspektor Handke am Tatort eintrifft, ist der Fall längst gelöst: Selbstmord. Dennoch beginnt Handke (unverkennbares Styling: Pilzfrisur, Streberbrille) umgehend mit der Spurensuche - er zückt sein Notizheft.

Natürlich ist Peter Handke kein Inspektor, sondern Schriftsteller. Und "Wunschloses Unglück“ (1972) ist kein Krimi, sondern eine autobiografische Erzählung über die Mutter des Autors, die mit 51 eine Überdosis Schlaftabletten eingenommen hat. Wenn die englische Regisseurin Katie Mitchell das im Kasino nun wie einen Thriller inszeniert, ist das trotzdem stimmig: Wie der Kriminalist muss der Schriftsteller genau hinschauen.

Zu erleben ist die spezielle Form von Kino-Theater, die in den letzten Jahren zu Mitchells Markenzeichen wurde: Die Bühne (Lizzie Clachan) ist ein mit viel Liebe zum Detail gestaltetes Filmset, in dem vor den Augen des Publikums ein Film gedreht wird. Zwischen den Schauspielern wuseln Kameraleute durch die Sixties-Interieurs, eine Geräuschemacherin erzeugt den Sound. Auf einer Leinwand sieht der Zuschauer den Film - und kann zeitgleich das Making-of verfolgen.

Es gibt keine Dialoge, nur Originaltext aus dem Buch, der live gesprochen und über die Bilder gelegt wird. Die auftretenden Darsteller - darunter Dorothee Hartinger als Mutter und Daniel Sträßer als Sohn - bleiben stumm. Das ist konzeptionell zwar konsequent, inhaltlich aber nicht immer schlüssig; dass etwa Bruder und Schwester kein Wort miteinander wechseln, wird seltsam bedeutungsschwer.

Im Zentrum des Buchs steht die exemplarische Biografie einer lebenslustigen Frau, der im Lauf des Lebens das Lachen vergangen ist. Davon erfährt man bei Katie Mitchell nicht viel; ihr geht es mehr um die Geschichte eines Schriftstellers, der seine Trauer mit seinen Mitteln zu bewältigen versucht. Das Ergebnis ist, auch im Theater, eine schonungslose, unsentimentale, tieftraurige Liebeserklärung.

Nächste Vorstellungen: 12., 13., 15. und 17.2., 20 Uhr, Burgtheater-Kasino


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