Selbstversuch

Um mal mit Kübler-Ross zu sprechen

Kolumnen | Doris Knecht  | aus FALTER 07/14 vom 12.02.2014

Doris Knecht verhandelt noch

Es ist ein bisschen kompliziert. Die Gleichzeitigkeit zweier Vorkommnisse, die nicht zusammenhängen, aber die gleiche Person einschließen, macht es schwierig, nur auf das eine einzugehen, ohne den Verdacht der Kollateralschädigungsabsicht auf sich zu ziehen. Ich sage darum jetzt klippklar, dass es hier nur um eine Kolumne von Manfred Klimek geht, nicht um den Konflikt, den er mit dem Chefredakteur dieser Zeitung ausficht.

Wohlan. Klimek, ein Freund, hat für Brand eins eine rührende, poetische, lustige, tapfere Kolumne übers Älterwerden geschrieben, in der er dafür plädiert, lieber würdelos zu altern. Das ist bekanntlich ein Komplex, der mich interessiert. Und temporär jede und jeden post 45 oder 50. Im Prinzip gehen die meisten Leute zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal durch die Kübler-Ross’schen "fünf Stadien des Sterbens“: Denial, Anger, Bargaining, Depression, Acceptance. Nicht alle erreichen glücklich das fünfte Stadium.

In diesem Alter stellt man sich jeden Tag ungefähr zigmal die Frage, was es bedeutet, in diesem Alter zu sein, was diesem Alter entspricht, was nicht mehr, was noch nicht, und ob 50 jetzt echt das neue 30 ist.

Natürlich ist die Antwort darauf erstens individuell, zweitens vollkommen egal, dennoch. Wie jeder ist auch Fiftysomething Klimek damit konfrontiert, und er vergleicht den eigenen Alterungsprozess mit dem von anderen, was, Überraschung, überwiegend zuungunsten der saturierten und langweiligen anderen ausfällt. Denn im Unterschied zu diesen wird Klimek, wie er schreibt, "einfach nicht älter. Ich weigere mich, das Diktat anzunehmen, das mir die Biologie jeden Tag aufs Neue eingraviert.“ (Kuckstu: Denial.)

Googlen Sie den Text, denn er ist sehr lesenswert, vor allem auch der Schluss, der sehr lustig und sehr traurig zugleich ist, und eine Frage aufwirft, die einzig entscheidende, wie mir scheint: Geht’s Klimek dabei gut? Was ich nicht beurteilen will. "Gut“ ist keine Schublade, in der für alle dasselbe drinsteckt, und manche finden darin eben die Befriedigung, dass sie immer noch willens sind, schmerzhafte Schläge zu provozieren und einzustecken (weil man, "peinlich, aber geil“, so wohl ein lässiger Hund bleibt), sowie das Recht, nicht klüger werden und aus Fehlern nicht lernen zu müssen. Letzteres muss paradoxerweise stets als Beweis dafür herhalten, dass man nicht stecken geblieben ist.

Alles total okay für mich. Ich finde es aber tatsächlich erstrebenswert, darauf zu schauen, dass es einem eher gutgeht, wurscht, wie man es anstellt, cool oder uncool, geil oder nicht. Menschen, denen es gutgeht, sind nicht zwingend langweilig und humorlos, aber fast immer viel netter. Und auch wenn das der endgültige Beweis für finale Altersstinkfadheit ist: Ich bin eigentlich lieber mit netten Menschen zusammen als mit Hasspostern und anderen Zwangsunglücklichen. Jeder wie er, jede wie sie will, und Klimek sowieso. Wir sollten wieder mal was trinken gehen, übrigens.


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