Fragen Sie Frau Andrea

Sehr wienerisch: Wem was z’fleiß mochn

Kolumnen | aus FALTER 07/14 vom 12.02.2014

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

gesprochen fiel es mir noch nie so auf, aber unlängst kam mein Schreiben - mit dieser neumodischen Verschiebung des Schwerpunkts der Kommunikationskultur ins Schriftliche - plötzlich zum "z’fleiß“, "zu Fleiß“ oder "zu fleiß“ machen. Ein so sprechender wie häufig umgesetzter Begriff. Aber? Woher kommt diese Verquickung von etwas so positiv Konnotiertem wie Fleiß

mit der Boshaftigkeit des Jemandem-absichtsvoll-etwas-zuwider-Tuns? Einer Äußerung Ihres geschätzten Wissens entgegensehend,

mit Dank und Gruß,

Ama Stern, per NSA-Archivalie

Liebe Ama,

jemandem etwas zu Fleiß zu tun (wienerisch: wem was z’fleiß mochn) hat bekanntlich die Bedeutung, jemandem bewusst, böswillig und mit vorsätzlicher Akribie zu schaden. Die Wendung hat ein Epizentrum in Wien und verliert sich rasch in der nieder- und oberösterreichischen Provinz. Schon in Bayern wird nicht z’Fleiß geschadet, sondern mit Fleiß. Auch der Gebrauch des Dativs, mit dem auf den Schadensnießer des Fleißes verwiesen wird, scheint ein Wiener Spezifikum zu sein.

Der Terminus gilt außerhalb der Donaumetropole als weitgehend veraltet. Keinen brauchbaren Hinweis auf seine Entstehung liefert uns das Wort Fleiß. Das mittelhochdeutsche vliz, althochdeutsch fliz kommt von einem erschlossenen westgermanischen Wort flita, fleita und bezeichnet den Streit, die Anstrengung - jüngere Verwandtschaft erkennen wir im Beflissenen und im Geflissentlichen.

Aber zurück in die Laborräume des Weltuntergangs, in die Stadt der honigsüßen Niedertracht. Dass man jemandem schaden kann, indem man fleißig ist, sich also in Ausübung einer Tugend absichtlich zur Unbill eines anderen aufwerfen kann, verweist auf beamtliche Tätigkeit in der Reichshauptstadt. Jahrhunderte der notariellen Übung und der Aktenschriftstellerei waren im vormärzlichen Kanzleiabsolutismus kulminiert. Die byzantinische Fingerfertigkeit der Perfidie stand im Überwachungsstaat des Fürsten Clemens Wenzel von Metternich in Hochblüte.

Im Zentrum unserer Betrachtungen darf also auch der bureauinterne Aspekt des Z’fleißmachens stehen - schädigt in Kanzleifragen doch der Übereifer des Einzelnen das verwalterische Kollektiv.


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