Theater Kritik

Nichts steht mehr: Endspiel der Liebe

Lexikon | WK | aus FALTER 07/14 vom 12.02.2014

In seinem Kammerspiel "Quartett" hat Heiner Müller vor mehr als 30 Jahren die heutige Porno-Gesellschaft vorweggenommen: Die Seele ist hier ein Muskel, der Körper eine Maschine, und was die Menschen für Liebe halten, ist bloß eine chemische Reaktion der Schleimhäute. In dem Zweipersonenstück von 1982 treffen die Protagonisten aus dem Briefroman "Gefährliche Liebschaften" (1782), die Marquise Merteuil und der Vicomte Valmont, einander zum letzten Gefecht. Sie lassen ihr Liebesleben minutiös Revue passieren, messen sich routiniert in Rollenspielen und bohren genüsslich in den Wunden des anderen. Die beiden Kontrahenten sind alt geworden, das kühle, zynische Endspiel der Gefühle ist entschieden: Nichts steht mehr.

"Salon vor der Französischen Revolution /Bunker nach dem dritten Weltkrieg" lautet Müllers einzige Szenenanweisung für das Stück. Reinhard von der Thannens Bühnenbild in der Josefstadt sieht eher wie eine Schauspielergarderobe aus, und vielleicht wollte Regisseur Hans Neuenfels "Quartett" ja als Theater-Theater-Drama zweier Mimen zeigen, denen die Kräfte schwinden und die darunter leiden, dass sie ihr Publikum nicht mehr wie einst verführen können.

Wenn das das Konzept war, dann scheitert es daran, dass die beiden Schauspieler ein zu ungleiches Paar sind. Der 80-jährige Helmuth Lohner wirkt mit seiner langen, grauen Mähne wie ein greiser Indianerhäuptling und insgesamt so zerbrechlich, dass das Publikum den Atem anhält, wenn er einen Schwächeanfall markiert. Seine mehr als zehn Jahre jüngere Partnerin Elisabeth Trissenaar wiederum macht zu viel Theater und spielt so souverän über die Härten des Textes hinweg, dass ihre Performance nie gefährdet erscheint. Statt des Dramas zweier alter Schauspieler sieht man also nur zwei alte Schauspieler, die ein Drama spielen und dabei nie so recht zusammenkommen.

Theater in der Josefstadt, Mo-Mi 19.30


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