"Das kostet mich viel Schweiß"

Filmmusik konzertant: Ennio Morricone gastiert mit 160-köpfigem Orchester in der Stadthalle

INTERVIEW: GERHARD MIDDING | aus FALTER 07/14 vom 12.02.2014

Er ist der Superstar unter den Filmkomponisten. Ennio Morricone, 85, hat mehr als 500 Filme vertont, zuletzt Quentin Tarantinos "Django Unchained" (2012). Seine Scores zu den legendären Italowestern der 1960er sind selbst schon Legende. Eine unbändige Lust am Experimentieren mit Geräuschen, Stimmen und ungekannten Klangfarben zeichnet sein Werk aus.

Daneben hat Morricone auch mit Karlheinz Stockhausen und John Cage gearbeitet und Songs für die Schlagersängerin Milva arrangiert und geschrieben. Im Rahmen seiner Tournee "50 Years of Music" gastiert Morricone mit 160-köpfigem Orchester an diesem Wochenende in Wien.

Falter: Maestro, Sie machen Musik, seit Sie mit 16 einmal für Ihren Vater einspringen mussten und als Trompeter vor amerikanischen Soldaten spielten. Damals, sagten Sie, hätten Sie begriffen, dass Musik keine Wissenschaft, sondern ein Erlebnis ist. Ennio Morricone: Das war tatsächlich eine wichtige Erfahrung für mich. Mein Vater hatte mir geraten, Musik zu studieren -und zwar Trompete. Erst am Konservatorium fiel meinem Harmonielehrer auf, dass ich Talent für Komposition besitze. Ich glaube, mein Vater sah es gar nicht gern, dass ich mich nun so intensiv mit Kontrapunkt und Harmonielehre beschäftigte, aber der Moment war wichtig, weil ich fortan über alles, was ich machte, selbst entschied.

Filmmusik wird gemeinhin mit der Stoppuhr komponiert. Sie jedoch haben Partituren oft schon vor den Dreharbeiten geschrieben, bei "Spiel mir das Lied vom Tod" sogar bevor das Buch fertig war -wie gelingt Ihnen das?

Morricone: Das ist bei jedem Film unterschiedlich. Generell muss ich natürlich einen Eindruck davon gewinnen, was der Filmemacher vorhat. Sergio Leone etwa besaß ein großes Talent, einen Film zu erklären, lange bevor er die erste Einstellung drehte. Er erzählte nicht nur alle Details der Handlung, sondern konnte auch präzise beschreiben, wie er sich den Stil vorstellte. Ich arbeite gern auf diese Weise - auch weil ich finde, dass Filmmusik eigenständig sein, dass sie Autonomie besitzen muss.

Über die Musik zu Ihrem letzten Film mit Leone, "Es war einmal in Amerika", haben Sie beide angeblich schon acht Jahre vor den Dreharbeiten gesprochen ...

Morricone: Es waren sechs. Aber in der Zeit haben wir nicht nur geredet, ich habe sie auch schon geschrieben und aufgenommen.

Im Konzertsaal zeigt sich, wie gut Ihre Filmmusik ohne Leinwand funktioniert. Ein Stück, das das Publikum bei Ihren Tourneen regelmäßig in den Bann zieht, stammt aus "Metti, una sera a cena" - einer Komödie, die kein Mensch kennt.

Morricone: Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie Filmmusik sich emanzipieren kann. Aber diese Unabhängigkeit fällt ja nicht vom Himmel. Das Stück passt in den Film, es ist nicht abstrakt. Aber es steckt eine kompositorische Arbeit dahinter, die auch ihren eigenen Regeln folgt. Es gibt zunächst einmal zwei Themen: ein einfaches mit drei Noten, die in kurzen Intervallen aufeinanderfolgen, und ein zweites mit längeren Intervallen. Dann setze ich einen Kontrapunkt in sechs Teilen, der von dem kurzen Thema unterstützt wird. Aus der einfachen Notenfolge wird allmählich eine sehr komplizierte musikalische Konstruktion. Den Zuhörern fällt das nicht auf, deshalb entfaltet die Musik eine noch größere emotionale Wirkung.

Da wären wir wieder bei der Doppeldeutigkeit von Musik als Wissenschaft und Erlebnis.

Morricone: Erlebnis ist schön und gut, aber es steckt eine Menge Arbeit dahinter. Jemand, der die Partitur analysieren würde, könnte entdecken, wie viel Schweiß mich das gekostet hat. Aber ich gebe meine Partituren ja nie aus der Hand, so bleibt das mein Geheimnis.

Sie haben Western vertont, Kriegs-, Kriminal-und Liebesfilme sowie Dokus. Gibt es ein Genre, in dem Sie noch gern arbeiten würden?

Morricone: Ich würde gern mehr Sciencefiction-Filme machen. Ich habe "Das Ding aus einer anderen Welt" für John Carpenter geschrieben und den weniger bekannten Film "Humanoid", für den ich eine Fuge in sechs Partien komponierte. Diese Herausforderung reizt mich nach wie vor, zumal die Amerikaner in diesem Genre gute Arbeit leisten. Aber schauen Sie nur, was ein so hervorragender Komponist wie John Williams bei "Krieg der Sterne" machen muss: Er komponiert eine Marschmusik, die im Weltraum zu hören ist! Ich bin sicher, dass ihn die Produzenten dazu vergattert haben, doch auf der Liste der meistverkauften Filmmusikalben nimmt sie bis heute den ersten Platz ein. Gleich dahinter kommt übrigens meine Musik für "Zwei glorreiche Halunken", einen Western von Leone. F

Wiener Stadthalle, Halle D, So 19.30


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