Buch der Stunde

Was Beethoven und Status Quo gemeinsam haben

Feuilleton | KLAUS NÜCHTERN | aus FALTER 08/14 vom 19.02.2014

Die Komponisten Sergei Rachmaninow und Alexander Skrjabin tragen in Stephan Groetzners preisgekröntem Text "[R]"(siehe S. 32) einen bizarren Streit über musikalische Identitätslogik aus, wobei die Frage, ob das Posthorn-Es der Mozartzeit "nicht ohnehin eher wie unser heutiges D" geklungen habe, nur durch eine um nichts weniger bizarre Kriegsverletzung verhindert wird. Die Frage selbst freilich ist keineswegs so absurd, wie sie im Kontext einer literarischen Humoreske erscheint, denn tatsächlich klang im 19. Jahrhundert ein Londoner A "eher wie ein ,As' in Mailand und wie ein ,b'in Weimar".

Das erklärt der britische Physiker und Musikwissenschaftler John Powell in seinem Buch "Was Sie schon immer über Musik wissen wollten", das nun in einer Sonderausgabe neu aufgelegt wurde. Die Frage, was Musik denn "eigentlich" sei, wird dort übrigens sehr bald und bündig beantwortet: "Musik ist Klang, der so eingerichtet ist, dass er jemanden zu stimulieren vermag."

Der pragmatische, unverschwurbelte Zugang zählt zu den Stärken des Werkes. Hier wird wirklich nichts vorausgesetzt: weder die Kenntnis der Notenschrift noch psychophysisches oder musikhistorisches Basiswissen. Umgekehrt wird sich auch der halbgebildete Laie nicht so schnell unterfordert fühlen. Powell "unterrichtet" die Leser so wie der Physiklehrer, den man in der Schule gerne gehabt hätte: systematisch, leicht fasslich, mit sparsamen, aber gut gewählten Beispielen und so, dass man auch die Ausführungen über die historische Entwicklung der Lautstärkeklassifizierung begierig liest, obgleich man es ursprünglich so genau wohl gar nicht wissen wollte (jetzt aber das Dezibelsystem aus gutem Grund bescheuert finden kann).

Von der blumigen Prosa fachsimpelnder Enthusiasten ist Powell erfreulich weit entfernt, stattdessen wird einem im launigen, aber nie geschwätzigen Plauderton erklärt, was Beethoven und Status Quo gemeinsam haben: immer volle Wäsche den ganzen Akkord! Bach und Led Zeppelin hingegen: Arpeggien.


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