Kunst Kritik

Goldene Golfbälle neben Tribals von Bobos

Lexikon | NS | aus FALTER 08/14 vom 19.02.2014

In der Ethnologie bediente man sich früher gerne der Technik des Lebendabgusses, um die typische Physiognomie einer Volksgruppe zu verewigen. Dabei handelte es sich um eine Art Totenmaske zu Lebzeiten für indigene Gruppen, die durch den Kolonialismus am Verschwinden waren. Im originellsten Raum ihrer Ausstellung in der Secession hat Lisl Ponger solche Abgüsse von Angehörigen der Mittelschicht anfertigen lassen, denn die Künstlerin stellt sie mit Fotos und Gipsmasken originellerweise als bedrohte Volksgruppe aus.

Für ihre Schau hat die Wiener Künstlerin ein Museum namens "Mu-Kul" installiert, das sich dem Thema "The Vanishing Middle Class" widmet. Ponger orientiert sich dabei an den Konventionen von Völkerkundemuseen. Ihr Display mit Vitrinen und Infotafeln, das quer versetzt zur Symmetrie des Secessionshauptraumes steht, hat viel Reiz. Schwieriger ist es mit den Inhalten, die in der -stets um Humor bemühten - Präsentation von Stereotypen selbst bisweilen ins Klischee abdriften.

Im ersten Teil von MuKul belegen Faschingsobjekte und -fotos die Faszination von Exotik und Andersheit, die in der bürgerlichen Verkleidungslust zum Ausdruck kommt. Danach geht es in medias res: Die Parole "Nieder mit dem Neoliberalismus!", die schon außen auf der Installation als Graffito prangt, wird mit Versatzstücken aus der Protestkultur wie der Guy-Fawkes-Maske der Occupy-Bewegung oder mit Videos von Demonstrationen unterstrichen. Daneben stehen ein Monopoly-Spiel oder Golfbälle für die Spiele der Finanzwelt.

Den Feinden der "Middle Class" hätte Ponger in der Secession ruhig einen eigenen Manager-Oligarchen-Raum widmen können. Witzig sind allerdings die Tafeln mit gezeichneten Tattoos, deren Träger mit Berufsgruppen wie "German Architect" markiert sind.

Secession, bis 30.3.


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