Film Neu im Kino

Kostümfilm mit doppeltem Boden: "Die Nonne"

Lexikon | GERHARD MIDDING | aus FALTER 08/14 vom 19.02.2014

Regisseur Guillaume Nicloux wurde 1966 geboren: in jenem Jahr, in dem Jacques Rivettes erste Verfilmung von Denis Diderots Briefroman "Die Nonne" den Vorwurf der Blasphemie auf sich zog und Anlass einer Zensuraffäre wurde. Dieses Glück wird Nicloux' Neuverfilmung nicht beschieden sein. Seither hat die katholische Kirche an Einfluss verloren und konnte die Frauenbewegung Fortschritte verbuchen. Der Regisseur kann es also besonnen angehen lassen. Das Martyrium, das Suzanne Simonin (Pauline Etienne) in verschiedenen Klöstern, unter drei Äbtissinnen und auf je unterschiedliche Weise erleidet, ist zu Beginn des Films bereits eine Vorgeschichte, die als klassische Rückblende aufgerollt wird. Die Perspektive der geglückten Überwindung muss man nicht als Beschwichtigung verstehen. Die Infamie der übergriffigen Inbesitznahme, deren Opfer Suzanne wird, schmälert das nicht. Dem Folgenden sieht man mit aufgeklärter Paranoia entgegen.

"Die Nonne" gibt sich den Anschein eines gediegenen Kostümfilms. Diesem Erzählgestus ist allerdings ein doppelter Boden eingezogen. Einerseits stellt Yves Capes Kamera eine verstörende Resonanz her zwischen dem Kreuzweg der Protagonistin und der katholischen Ikonografie: Konsequent wird Suzanne in Beziehung gesetzt zu Christusdarstellungen, deren Erhabenheit und Sinnlichkeit variieren. Die Kraft, die sie unantastbar macht, ist ihre Wahrhaftigkeit. Sie kann weder Gott noch sich selbst belügen. Indes folgt Nicloux, dessen Filme oft um die Idee der Prüfung kreisen, einer laizistischen Lesart. Er konzentriert sich auf Suzannes Kampf um die Freiheit. Die Dekors sind bei ihm als Klöster drapierte Gefängnisse. Noch eine weitere Deutung lässt der Film zu: Die Äbtissinnen repräsentieren unterschiedliche Spielarten weiblicher Sexualität: die mütterliche, die sadistische und die lesbische Liebe.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Filmcasino)


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