Enthusiasmuskolumne Diesmal: die beste Filmmusik der Welt der Woche

Der Meister des verzögerten Einsatzes

Feuilleton | MICHAEL OMASTA | aus FALTER 08/14 vom 19.02.2014

Ennio war da, Ennio Morricone. Mit, ungelogen, 160 Musikerinnen und Musikern, heißt: volle Orchesterbesetzung plus Chor. Seit Tagen schon plagt den 85-jährigen Maestro

ein beleidigter Ischiasnerv, weswegen er das exakt zweistündige Konzert am Sonntag in der Stadthalle im Sitzen dirigiert.

Eignet sich "angewandte Musik", wie er selbst seine Kompositionen für über 500 Filme nennt, wirklich zur konzertanten Aufführung? Fehlt da nicht was? Ein klares Jein! Natürlich sieht man, sobald die Musik von "The Untouchables" erklingt, Kevin Costner im bodenlangen Armani-Mantel vor sich oder bei "Deborah's Theme" die wunderbare Elizabeth McGovern in "Once Upon a Time in America". Nur hat Morricone natürlich auch zig Filme vertont, die man entweder nie gesehen oder längst schon vergessen hat. "H2S" zum Beispiel, eine futuristische Komödie von Roberto Faenza, oder den frivolen Liebesreigen "Metti, una sera a cena", dessen Titelmusik zu den bleibenden Eindrücken an diesem Abend zählt.

Ennio Morricone ist nicht nur der produktivste, sondern auch einer der innovativsten Filmkomponisten. Das belegt seine Experimentierfreude mit ungewöhnlichen Klängen (berühmt: der Schrei des Kojoten in Leones "Zwei glorreiche Halunken") oder auch der Umstand, dass er sich immer wieder gern bis ins Atonale vorwagt - am weitesten mit dem Score für "Richard III.", einen 2001 wiederentdeckten Stummfilm von 1912.

Und doch ist Morricones Genialität nicht gänzlich vom Bild zu trennen. Während die Musik sonst im Kino drohendes Unheil oder die schöne Frau ankündigt, hält er sich zurück: Erst wenn der Fremde im Close-up zu sehen ist, kommt die Musik. Den verzögerten Einsatz beherrscht Morricone wie kein Zweiter.


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