Partisanen, Pathos und Apfelbäume. Peter Handke am Grazer Schauspielhaus

Steiermark | THEATERKRITIK: HERMANN GÖTZ | aus FALTER 08/14 vom 19.02.2014

Auf der Vorderbühne ein Haufen ausrangiertes Zeug und Musikinstrumente. Die Musik weht eine Spur Balkan durch den Raum. Wenn dann das traurig verstimmte Harmonium in der Versenkung verschwunden ist, kommen Stellwände voller Partisanen-Graffiti, zwischen denen die Schauspieler aussehen wie Handke-Gestalten, die sich in einem Agitprop-Stück verloren haben. Doch erstmal bedient sich Regisseur Michael Simon für Peter Handkes episches Bühnenwerk "Immer noch Sturm"(Di, Mi, 19.30 Uhr) eines starken Ensembles, darunter des eben mit dem Deutschen Schauspielerpreis ausgezeichneten Julius Feldmeiers. Verstärkt durch Bernhard Neumaiers gewohnt gute Livemusik hat das Haus wieder ein Stück großes Kino am Spielplan.

Handke lässt für sein "historisches Traumspiel" Erinnerungen an seine Familie aufmarschieren. Momente, die er in packend schöne Worte fasst, werden zu einem Drama der Kärntner Slowenen in der NS-Zeit verdichtet und schließlich fiktional zur Partisanen-Tragödie überhöht. Die Überhöhung ist dann auch irgendwie das Problem, das Simon ungewollt sichtbar macht. Handkes poetisches Geschichtsverständnis ist immer wieder ein Balanceakt, selbst wenn er faktisch im Recht und dazu auf Seiten der Verlierer ist. Dann nämlich, wenn im Schatten der Karawanken neben den Apfelbäumen ein archaischer Heimatbegriff sprießt und die Sprache, hier das Slowenische, wieder einmal für heilig erklärt wird. Die Heiligung erfährt zwar einen Dämpfer, weil sie in Chemnitzer Theaterdeutsch vorgetragen wird, doch nimmt das der Inszenierung auch nicht ihre Nähe zum Pathos. Schade. F


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