Überraschungseier der Zaren

Das Kunsthistorische Museum zeigt in "Die Welt von Fabergé" Russlands besten Goldschmied

Lexikon | INTERVIEW: NICOLE SCHEYERER | aus FALTER 09/14 vom 26.02.2014

Sie symbolisieren den Reichtum und die Macht der letzten Zaren: 50 Ostereier aus Gold und Juwelen hat der St. Petersburger Goldschmied Carl Fabergé für die Romanows bis 1917 geschaffen. Nun sind vier jener Fabergé-Eier, die auch in Hollywoodfilmen wie "Octopussy" oder "Ocean's 12" gejagt werden, im Kunsthistorischen Museum (KHM) zu sehen. Die einst an die Kaiserinnen geschenkten Prunkstücke stammen aus Moskauer Museen, die heute nur noch zehn besitzen. KHM-Kurator Paulus Rainer erklärt die Hintergründe des zaristischen Bling-Blings.

Falter: Wer hatte 1885 die Idee zu den hochkarätigen Ostergeschenken?

Paulus Rainer: Man kann es nicht mit Gewissheit sagen. Wir wissen aber, dass die Form des ersten Eis auf eine Goldschmiedearbeit des 18. Jahrhunderts zurückgeht, die sich in den dänischen Sammlungen befindet. Zar Alexander III. und seine dänische Frau haben eine Kunstgewerbeausstellung in Kopenhagen besucht, wo sie gezeigt wurde. Auch Fabergé kannte sie. Das Kunsthistorische Museum besitzt das Zwillingsstück zu dem dänischen Ei. In unserer Kunstkammer befindet sich auch so ein winziges goldenes Ei, in dem eine Henne steckt und darin noch eine kleine Krone und ein Ring.

Es sind sozusagen frühe Überraschungseier. Welche Exemplare haben Sie nun ausgewählt?

Rainer: Nicht in allen Eiern der Zaren steckt etwas drin, nur in insgesamt zehn. Wir wollen zeigen, dass es sich bei diesen Ostergeschenken um eine späte Übernahme von Kunstkammergegenständen handelt. Das in der Form einer Kreml-Kathedrale gestaltete Ei kann man aufziehen und es spielt Musik, wie die Automaten vor 300 Jahren. Das andere Ei von 1900 enthält eine aufziehbare Zuggarnitur der Transsibirischen Eisenbahn, die damals gerade gebaut wurde. Das dritte Ei aus grünem Heliotrop ist 1899 entstanden, also in dem Jahr, in dem das Kunsthistorische Museum eröffnet hat. Die dafür verwendete Technik des Steinschnitts war eine Repräsentationsform von europäischen Herrschern des 16. und 17. Jahrhunderts. Es enthält eine Miniatur des Kreuzers "Pamjat Asowa", in dem die Zarensöhne ihre Grand Tour gemacht haben. Das letzte Ei aus Kobaltglas, Bergkristall und Diamanten, das die Sternenkonstellation zur Geburt des Thronfolgers zeigt, blieb 1917 aufgrund der Revolution unvollendet.

Wie verlief Fabergés Werdegang zum Hoflieferanten?

Rainer: Fabergé hat 1872 den elterlichen Juwelierbetrieb übernommen.

Davor genoss er eine Ausbildung in Deutschland, kam in ganz Europa herum und sah sich alle wichtigen Sammlungen an. In St. Petersburg arbeitete zunächst als Restaurator für die Eremitage. Dadurch lernte er die kaiserliche Sammlung auch haptisch sehr gut kennen und die Unterschiede zwischen dem, was optisch schön und was wirklich feine Arbeit ist. Die ganze Ausrichtung der Firma hat sich dadurch geändert. Die Objekte, die ihn berühmt machten, waren aber nur ein kleiner Teil seiner Produktion. Wir möchten zeigen, dass er ganz unterschiedliche Produktpaletten führte. Für das wohlhabende Bürgertum war ebenso etwas dabei wie für das englische Königshaus oder den König von Siam.

Haben die Zaren die Eier nur für sich gehortet?

Rainer: Nein, sie wurden auch zu Propagandazwecken verwendet. Das Ei mit der Transsibirischen Eisenbahn und andere wurden etwa auf Wunsch der Romanows 1900 auf der Pariser Weltausstellung gezeigt und bewiesen dort den Reichtum und die überlegene Handwerkskunst.

Sie zeigen auch Objekte anderer russischer Goldschmiede. Was zeichnet Fabergés Kunst im Vergleich aus?

Rainer: Er griff alle Techniken und Richtungen von altrussischem und historistischem Stil bis hin zum Art nouveau auf. Aber bei Fabergé gibt es immer eine Art Uminterpretation oder eine Umsetzung ins Heute. Zu seinen Markenzeichen zählten auch Blumensträuße in Bergkristallvasen, die er den barocken Juwelensträußen nachempfand. Ein solcher existiert auch in der Eremitage, aber er deutet das historische Vorbild um und vereinfacht. So auch bei den kleinen Tierfiguren aus Nephrit, die auf die japanischen Netsuke zurückgehen.

Was charakterisiert nun die "Welt" von Fabergé und seinen Kunden?

Rainer: Wir möchten mit der Schau auch ein Gesellschafts-und Sittenbild zeigen. Diese 45 Jahre Fabergé umfassen eine Lebenswelt, in der europaweit restaurative Kräfte fast schon verzweifelt an allem festhalten, was vorher Adel und Monarchie ausgemacht hat. Es ist eine isolierte Welt, und Fabergé hat den Bewohnern dieser Welt jene Statussymbole geliefert, die auch ein letztes Aufflackern europäischer Hofkunst darstellen.

Kunsthistorisches Museum, bis 18.5.


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