Gelesen Bücher, kurz besprochen

Politisches Buch | aus FALTER 10/14 vom 05.03.2014

Ein Lehrbuch über Kapitalismus

Nein, der Kapitalismus entstand nicht im Alten Rom, wo enorme Reichtümer angehäuft wurden. Er entstand auch nicht (wie die amerikanische Historikerin Joyce Appleby behauptet) im Goldenen Zeitalter Hollands, wo die Überseehandelsgeschäfte über Aktien durch private Unternehmer abgewickelt wurden - Zins, Wettbewerb, Finanzkapital, Banken waren ohnehin längst bekannt. Nein, der Kapitalismus entstand im mittleren 18. Jahrhunderts im frühindustriellen Nordwesten Englands. Aber warum ausgerechnet dort?

In England waren die Löhne im Gegensatz zu früheren Zeiten mit der Produktivität gestiegen und letztlich doppelt so hoch wie die auf dem Kontinent. Um die wegbrechende Konkurrenzfähigkeit zu kompensieren, taten die britischen Unternehmen etwas, das allen neoklassischen Lehren von heute widerspricht: Sie erfanden den modernen Kapitalismus. Die Unternehmer senkten nicht die Löhne, sondern ersetzten menschliche Arbeit durch Maschinen, steigerten damit die Produktivität und nicht die Ausbeutung. Sie zahlten bessere Löhne, reinvestierten die steigenden Gewinne, statt sie zu verprassen. Seither explodieren Wachstum und Wohlstand - und keine der systemtypischen Krisen hat das nachhaltig erschüttern können.

Ulrike Herrmanns Buch ist ein Coup, ein beeindruckendes Dokument geistiger Unabhängigkeit, die sich mit historischem Wissen und argumentativer Klarheit paart. Nur am Ende wird Herrmann, die Eurokrise sezierend, parteiisch - diesen Part, mögen die Argumente auch stark sein, hätte sie besser einem zweiten, tagesaktuellen Buch überlassen sollen. sebastian Kiefer

Ulrike Herrmann: Der Sieg des Kapitals. Wie der Reichtum in die Welt kam: Die Geschichte von Wachstum, Geld und Krisen. Westend, 288 S., € 20,60


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