Nachgetragen Journal mehr oder weniger bedeutender urbaner Begebenheiten

Wie Wien sich in New York zeigt: Musik, Nazis und Komplexe

Politik | Barbara Tóth/ New York | aus FALTER 10/14 vom 05.03.2014

Vienna: City of Dreams“ lautet der Name des Festivals, unter dem sich Wien letzte Woche in New York präsentierte. Mit über 90 Veranstaltungen - darunter ein Konzert der Wiener Philharmoniker in der Carnegie Hall und eine umfangreiche Filmschau österreichischer Filme mit Wien-Bezug - wurden Wien-Klischees genauso erfüllt wie modernere Zugänge.

Zu Letzteren gehört eine Ausstellung im Austrian Cultural Forum in New York, dessen neue Direktorin Christine Moser Künstlerinnen zum Thema "Vienna Complex“ versammelte. Sigmund Freuds Theorien treffen dabei auf den gerade in den USA noch gegenwärtigeren permanenten Zwang zur Selbstoptimierung. Auf Franz Wests Couch, die ausdrücklich von den Besuchern benutzt werden soll, legte sich zur Begrüßung der Nobelpreisträger Eric Kandel - einer der vielen bekannten Amerikaner mit österreichischen Wurzeln.

Wie eng die Geschichten der beiden Städte miteinander verwoben sind, zeigte sich bei einer Debatte über Wiens dunkle Vergangenheit, die den Auftritt der Philharmoniker bewusst ergänzte. Ging es doch vor allem um die Rolle des Staatsorchesters unter der Nazi-Herrschaft und um die Frage, wie eine Kulturstadt wie Wien ihren "moralischen Kompass“ verlieren und zur Nazi-Hochburg werden konnte. Über 400 Menschen verfolgten die Debatte mit Zeithistoriker Oliver Rathkolb, Philharmonikerchef Clemens Hellsberg und dem ehemaligen US-Diplomaten Stuart Eizenstat, der für die Amerikaner das Zwangsarbeiterabkommen mit Österreich verhandelte. Das Trauma der Ersten Republik, die fehlende demokratische Tradition, der tief verwurzelte Judenhass - so lauteten die Erklärungsansätze.

Eizenstats Vorfahren wurden übrigens im 16. Jahrhundert von antisemitischen Wienern nach Eisenstadt vertrieben - daher sein Nachname. Und der Vater des Moderaters Morley Safer (CBS) kämpfte einst in der k.u.k. Armee. F


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