Enthusiasmuskolumne Diesmal: Die schönste Schlachtplatte der Welt der Woche

Die Blutspur der Zivilisation im Schnee

Feuilleton | aus FALTER 10/14 vom 05.03.2014

Ob es die großen Leidenschaften überhaupt noch gäbe, fragte mich unlängst ein Freund. Und warum die Rache in letzter Zeit so wenig Beachtung finde. Nun ist mein Freund ein großer Liebhaber der Oper, eines Genres also, in dem an Rachearien wahrlich kein Mangel herrscht.

Tatsächlich muss man sich um dieses große Gefühl aber auch abseits der Oper keine großen Sorgen machen, wie ein Besuch in einem Multiplexx am vergangenen Samstag belegt. Die Vorstellung ist praktisch ausverkauft, obwohl "Das finstere Tal“ wienweit in einem Dutzend Kinos zu sehen ist und obwohl man meinen würde, dass der Western jüngere Generationen und ein ganzes Geschlecht der menschlichen Gattung nicht die Bohne interessiert. Dem ist aber ganz offensichtlich nicht so.

Regisseur Andreas Prochaska, der sich recht systematisch an den diversen klassischen Genres abarbeitet, hat eine üppige Schlachtplatte angerichtet, die über alle Schmankerln verfügt, die man von einer austroalpinistischen Adaption des Italo-Westerns erwarten darf: Blutfontänen in Zeitlupe, imposante Landschaften, Nahaufnahmen verwitterter Gesichter, gliedsatzarme Konversation: "Wie lang bleibscht?“ "Du bischt hi!“

Beachtlich an "Das finstere Tal“ sind nicht nur die Leistungen hinter und vor der Kamera, beachtlich ist auch, dass dieses unerbittlich aufs große Umnieten zulaufende Vendetta-Drama ohne alle pseudocoolen Tarantinotrotteleien auskommt.

Die finale Pointe ist auf unkokette Weise politisch unkorrekt. Ein Stück Zivilisationsgewinn wird brutalst dank schierer waffentechnologischer Überlegenheit erzwungen: Im brechenden Auge des Tiroler Doppellaufdesparados zeichnet sich das fassungslose Staunen über die Feuerkraft einer Winchester 73 ab.

KLAUS NÜCHTERN


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