Von einem, der auszog, eine Welt zu retten, die längst verschwunden ist

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 10/14 vom 05.03.2014

:: Die Inszenierung von Gebäuden lag Wes Anderson schon immer am Herzen, es war also nur eine Frage der Zeit, dass ein Haus zum Titelhelden avancieren würde. Aus einer schäbigen Gegenwart wird auf die heroischen Zeiten zurückgeblickt, die das in der osteuropäischen Alpenrepublik Zubrowka gelegene "Grand Budapest Hotel“ in der Zwischenkriegszeit erlebte. Anstelle der bei Anderson endemischen roten Mützen gibt’s diesmal amethystfarbene Bellboy-Hats, das entscheidende Accessoir aber ist der Oberlippenbart, den man - wie der junge Zéro (Tony Revolori) - zur Not auch aufmalen kann.

Das Bonmot "Le style est l‘homme même“ ("Der Stil ist der Mensch selbst“) passt präzise auf Zéros Lehrmeister, den legendären Concierge Monsieur Gustave, der erotisches und erbschleicherisches Eigeninteresse mit absoluter Loyalität gegenüber seiner - meist älteren, meist blonden - Klientel souverän zu verbinden weiß.

Dieser stets schwer parfümierte, hinreißend kultivierte und zugleich unerwartet unverblümte Filou (Ralph Fiennes) verkörpert das Vertrauen in die zivilisationserhaltende Kraft der Form, ja Förmlichkeiten: So als wären die so sorgsam in Schächtelchen verpackten zuckersüßen Artefakte der Confiserie Mendl’s, die durch den ganzen Film purzeln, ein Bollwerk wider die Barbarei, die hier in Gestalt eines hysterischen Wüterichs (Adrien Brody) und seines mit sturer Gründlichkeit meuchelnden Handlangers (Willem Dafoe) auftritt.

Andersons gewohnt virtuos-manirierte Inszenierung sprüht vor Einfällen, erinnert in ihrer Mischung aus Nostalgie, schwarzhumoriger Grausamkeit und blitzsauberem Handwerk ein wenig an die Cartoons Edward Goreys. Der Erkenntnisgewinn freilich ist endenwollend: Nein, mit Eau de Toilette und feinem Konfekt wird die Welt nicht zu retten sein.


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