Montierte Erinnerung

Feuilleton | Nachruf: Michael Omasta | aus FALTER 10/14 vom 05.03.2014

Er war der Inbegriff des französischen Autorenfilms: Der Regisseur Alain Resnais starb im Alter von 91 Jahren

Von allen französischen Filmemachern nach dem Krieg war er der vielseitigste. Alain Resnais beherrschte sämtliche Genres; mit "Nuit et brouillard“ (1956) erhob er die zeitgeschichtliche Doku zum philosophischen Exkurs, und mit "Hiroshima, mon amour“ nach Marguerite Duras (1959) verhalf er der literarischen Moderne im Kino zum Durchbruch - aber auch im Essayfilm, in der Komödie und sogar im Musical hat er Spuren hinterlassen.

Resnais, der vielen als Inbegriff des europäischen Autorenfilms gilt, hielt das Kino nur für eines der Instrumente im Konzert der Künste. Er arbeitete eng mit Komponisten wie Hanns Eisler oder Hans-Werner Henze zusammen und mit Literaten wie Jean Cayrol, Alain Robbe-Grillet und vor allem Jorge Semprun, der zwei echte Star-Pictures für ihn schrieb: "La guerre est finie“ mit Yves Montand (1966) und "Stavisky“ mit Jean-Paul Belmondo (1973).

Der auf den Schriftsteller Marcel Proust anspielende Nebentitel seines Meisterwerks aus dem Algerienkrieg ist durchaus programmatisch zu verstehen: "Muriel oder die Zeit der Wiederkehr“ (1963) - ein eher sinnlich denn logisch erfahrbares Montagegeflecht über Erinnerung, Schuld und Verdrängung, bei dem Bild und Ton oftmals getrennte Wege gehen wie sonst nur im Kino der klassischen Avantgarde.

Zuletzt hat sich Resnais als eine Art französischer Woody Allen versucht, zumindest was die äußeren Parameter seines Schaffens betrifft. Er hat ein mehr oder weniger fixes Starensemble um sich geschart, mit dem er in schöner Regelmäßigkeit alle zwei, drei Jahre eine Komödie realisierte. Sein letzter, jüngst beim Festival Berlinale prämierter Film "Aimer, boire et chanter“ mit Sabine Azéma und André Dussollier erscheint bei uns im Stadtkino-Verleih. F


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