Ganz nah an der Wirklichkeit

Das Animationsfilmerinnenfestival "Tricky Women" gibt sich ernster und auch kämpferischer

Lexikon | VORSCHAU: MICHAEL OMASTA | aus FALTER 10/14 vom 05.03.2014

Schauplatz ist einer dieser Holzbungalows am Strand von Malibu, wie man sie aus Filmen längst vergangener Tage kennt. Dorthin haben sich zwei Superstars des alten Hollywood zurückgezogen, Thomas und Jeremiah. Nicht weniger als sieben Oscar-Statuetten stehen im Wohnzimmer auf der Kredenz; der Besuch, eine Fernsehjournalistin, die selbst nie im Bild erscheint, ist merklich beeindruckt und gibt sich als Fan des mittlerweile ergrauten Duos zu erkennen. Thomas hat sich aufs Sofa gelümmelt, erzählt die immergleiche Geschichte, wie er 1940 mit dem Schiff nach Amerika kam, und Jeremiah steckt sich eine billige Zigarre an. Die eingelernten Starposen wirken lächerlich, anders als ihre Filme halten sie nicht "From Here to Immortality".

Mit ihrem gleichnamigen Kurzfilm nimmt sich die Schweizerin Luise Hüsler zweier Ikonen des populären US-amerikanischen Trickfilms an, indem sie die Biografien von Tom und Jerry fortschreibt. Wie ein altes Ehepaar leben Katz und Maus nun zusammen, Frenesie und Sadismus ihrer gemeinsamen Filme sind kleinen alltäglichen Sticheleien gewichen. Zu beurteilen, was von beidem das Schlimmere ist, bleibt den Zuschauerinnen und Zuschauern überlassen.

So wie dieser Film sich mit dem Interview eines journalistischen Formats bedient, so stehen dokumentarische Animationsfilme bei der diesjährigen Ausgabe des Filmfestivals Tricky Women besonders hoch im Kurs. Amélie Harrault erzählt in "Kiki of Montparnasse" aus den Lebenserinnerungen der berühmten Künstlermuse, und Kristina Yee setzt mit ihrem Stop-Motion-Musical "Miss Todd" einer vergessenen Pionierin der Luftfahrt ein Denkmal: Lilian Todd, wusste die New York Times anno 1909 zu berichten, sei drauf und dran, mit ihrem selbstkonstruierten Aeroplan abzuheben.

Ein gewitztes Hunderl in seiner Hütte, eine häkelnde Spinne, ein Heuschreck in seiner Werkstatt, ein Kopfsalat und eine Karotte sind die Protagonisten von "Good Grief", in dem Fiona Dalwood fünf Menschen zu Wort kommen lässt, die einen schweren persönlichen Verlust zu bewältigen hatten. Die mit Abstand stärkste dieser Animated Documentaries aber ist "Truth Has Fallen" von Sheila M. Sofian, die anhand von drei Einzelschicksalen daran erinnert, dass tausende unschuldige Leute in US-Gefängnissen sitzen. James McCloskey, ein Vietnam-Veteran, ist Gründer der Organisation Centurion Ministries, die erwiesenermaßen schuldlos Verurteilte wieder freikämpft. In einer Mischung aus Realfilm, abstrakten Szenen und animierter Glasmalerei werden die drei Fälle detailliert zur Anschauung gebracht: Joyce Ann Brown wurde nach neun Jahren Haft freigesprochen, Edward Baker nach 25 und der vermeintliche Cop-Killer James Landano nach 13 Jahren -da ist es nur fair und billig, dass auch die Produktion dieses einstündigen Meisterwerks anderthalb Jahrzehnte beansprucht hat.

Die beiden anderen Langfilme im Programm könnten unterschiedlicher kaum sein: In "Tito on Ice" macht sich Filmer Max Andersson mit seinem Kompagnon und dem Titelhelden, einem Kadaver in Uniform, auf die Reise nach Slowenien, um die junge Kunstszene vor Ort zu erkunden. Super-8-Material, Pappmaschee und Müll sind die Hauptingredienzien dieses filmischen Happenings mit viel Punkmusik und Balkan New Wave. Leichter mehrheitsfähig dürfte "Aya de Yopougon" von Marguerite Abouet und Clément Oubrerie sein, die in Pop-Artkräftigen Farben gehaltene Geschichte einer 19-Jährigen, die in den 1970ern in Abidjan in der Elfenbeinküste aufwächst. Aya (eingesprochen von der senegalesisch-französischen Schauspielerin Aissa Maiga) hat es sich in den Kopf gesetzt, Medizin zu studieren -selbst gegen den Willen ihres Vaters, der sie lieber mit dem Sohn seines Chefs verkuppeln würde.

Ähnlich kämpferisch gibt sich "Butoyi", ein mit einfachsten Mitteln (zweidimensionalen Papierfiguren) gestalteter Kollektivfilm von zwölf Mädchen aus Burundi. Erzählt wird von dem Zicklein Butoyi, das im Gegensatz zu seinem Bruder Bukuru nicht zur Schule gehen darf und Opfer eines sexuell übergriffigen Löwen wird. Die kurze Arbeit ist ein gelungenes Beispiel für die Selbstermächtigung von Frauen im Film -ein zentrales Thema des heurigen Festivals, das sich quer durch den Wettbewerb, das internationale Präsentationsforum Best Practice und die Workshops zieht. Etliche der erwähnten Filmemacherinnen werden bei den Vorführungen im English Cinema Haydn anwesend sein, mit dem die Tricky Women unter Leitung von Waltraud Grausgruber und Birgitt Wagner voriges Jahr auch ein repräsentatives Festivalkino gefunden haben. F

Haydn-Kino, 12. bis 16.3., www.trickywomen.at


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