Das wird man wohl noch sagen dürfen? Nicht unbedingt. Redefreiheit ist nicht die Lizenz zum Labern

Politik | aus FALTER 11/14 vom 12.03.2014

Dass diejenigen, die gerne austeilen, entsprechende Nehmerqualitäten oft vermissen lassen, ist nichts Neues. Man mag - in Hinblick auf den öffentlichen Diskurs - eine sportmetaphorische Weichenstellung vom Austeilen und Einstecken des Boxens auf die feine Klinge und die verblüffende Finte des Fechtsports anregen, aber prinzipiell ist der Vergleich gar nicht so blöd. Im Fechten wie im Boxen wird auf exakt definiertem Raum, nach genau festgelegten Regeln gekämpft. Wer sich nicht daran hält, wird abgemahnt, schlimmstenfalls ausgeschlossen.

Mit der öffentlichen Rede verhält es sich ähnlich. Wer die Öffentlichkeit adressiert, verpflichtet sich auf die vernunftbasierte Rede und die Kraft des Arguments, will er oder sie nicht als Demagoge, Rüpel, Wirrkopf oder Kasper gelten.

Wenn Sibylle Lewitscharoff im FAZ-Interview gekränkt sarrazinistisch fragt, ob sie denn über die Reproduktionsmedizin nicht sagen dürfe, was sie denke, dann kann man nur antworten: wenn es denn tatsächlich ein Gedanke ist. Die Rede von den "Halbwesen" (so bezeichnete sie In-vitro-Gezeugte) ist keiner, verrät bloß Ressentiment. Die Beteuerung, es handle sich dabei nur um eine "schwarze Fantasie", die ohnedies gleich als unzulässig zurückgewiesen würde, will nur eine grobe Unsportlichkeit vertuschen: So etwas mag man im Freundeskreis beschwatzen, seinem Beichtvater oder Analytiker erzählen, in einer Rede mit zeitdiagnostischem Anspruch aber hat es nichts verloren.

Auch die Beteuerung, die Phrase sei lediglich als "Würzmittel" eingesetzt, ist unzulässig. Wenn sich Lewitscharoff auf Dichterprivilegien beruft, dann überträgt sie "das im Grundgesetz verankerte Vorrecht der Kunst zum Regelverstoß von dem Bereich der Poesie auf den der Ethik"(Christopher Schmidt in der SZ).

Darüber hinaus wäre das Kalkül grandios gescheitert: Alle reden nur noch über die Gewürzmühle, niemand über das Gericht, das die Dichterin eindeutig überwürzt hat.


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