Enthusiasmuskolumne

Im Tal der unzerspaltenen Sonne

Diesmal: die beste Frühlingslyrik der Welt der Woche

Feuilleton | Matthias Dusini | aus FALTER 11/14 vom 12.03.2014

Mit der Zeile "Blüht nicht zu früh, ach blüht erst, wenn ich komme", lässt Gottfried Benn sein Frühlingsgedicht "März. Brief nach Meran" beginnen. Wenn der deutsche Dichter sich mit Blumen beschäftigt, geht das nicht immer gut aus. So entdeckte Benn in einem frühen Gedicht von 1912 eine dunkelhelllila Aster im Hirn einer Wasserleiche.

Einige Jahrzehnte später sind ihm die Natur und ihre Wortbilder ans Herz gewachsen. "Dann sprüht erst euer Meer und euren Schaum", schreibt er. Gemeint sind damit die Mandeln und Forsythien, die ihre tags in das Graubraun des Vorfrühlings sprayen. "Mandeln, Forsythien, unzerspaltene Sonne -/ dem Tal den Schimmer und dem Ich den Traum."

Nach der erlöschenden Sonne des Herbstes und dem fahlen Licht des Winters ruft der Autor die Frühlingssonne als Symbol einer ungebrochenen Empfindung an, ein gewagter Kunstgriff. Denn in vielerlei Hinsicht war der Lenz so etwas wie die Bad Bank der Moderne, in den etwa die fragwürdigen Metaphern vom völkischen Erwachen ausgelagert wurden. Benn lässt zum Glück die Finger vom kollektiven Wir, das sich in den faschistischen Spring Break wirft, sondern bleibt bei einem Ich, das im prallen Sonnenlicht zu blinzeln scheint. "Ich, ohne Wesen, doch auch ohne Schein." In einer Art kontrolliertem Rauschexperiment versucht dieses Halbwesen seine Individualität aufzugeben:

"Es (das Ich, M.D.) hat schon seinen Namen überwunden." Der sanfte, weder schneeschmelzende noch schwitzige Rhythmus der Verse vermittelt ein Gefühl des Schaukelns. "So hin und her - ach blüht erst, wenn ich komme", heißt es dann noch einmal in der dritten Strophe. Als Tourist in der Kurstadt Meran wusste Benn nur zu gut, dass sich die Mandelblüten nicht immer nach der Hotelbuchung richten.


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