"'Austro' ist mir nicht so recht"

Die New-Wave-Band Minisex ist zurück. Ihr neues Album stellt sie in der Grellen Forelle vor

Lexikon | Interview: Gerhard Stöger | aus FALTER 11/14 vom 12.03.2014

Im Prinzip sieht Rudi Nemeczek aus wie früher. Weißes Hemd, Stonewashed-Jeans, das schulterlange Haar ungekämmt. Nur ist es nicht mehr blond, sondern grau, und auch das Gesicht verrät, dass Nemeczek nächstes Jahr 60 wird. Als Sänger der Wiener New-Wave-Band Minisex feierte er in den 80ern mit Liedern wie "Rudi gib acht","Eismeer" oder "Du kleiner Spion" Erfolge, später machte er in der Werbung Karriere. Jetzt gibt es Minisex wieder, das neue Album "Reduziert" hat Nemeczek mit den Elektronik-Produzenten Christopher Just, Gerhard Potuznik und Patrick Pulsinger erarbeitet.

Falter: Herr Nemeczek, sind Sie ein Nostalgiker?

Rudi Nemeczek: Nostalgie hat positive und negative Seiten, gerade mit Musik verbindet man oft sehr emotionale Erinnerungen. Das Beste ist aber, im Hier und Jetzt zu leben.

Ihr neues Album "Reduziert" hat also keine nostalgischen Gründe?

Nemeczek: Überhaupt nicht, nein. Vor drei Jahren hat Walter Gröbchen auf seinem Label Monkey eine Best-of-Minisex-CD veröffentlicht, und im Zuge dieser Rückschau entstand die Idee einer Vorschau. Walter hat mir Christopher Just vorgestellt, der mich wiederum mit Gerhard Potuznik und Patrick Pulsinger zusammengebracht hat. Daraus ist eine wunderbare Zusammenarbeit entstanden, die im Unterschied zu meiner früheren Banderfahrung erstmals ohne Streit und Egoprobleme abging. Vielleicht, weil man mit dem Alter nicht nur mehr Kilos, sondern auch mehr Gelassenheit hat.

Wie verlief die Arbeit?

Nemeczek: "Reduziert" ist vor allem ein Ergebnis meiner Intensivpartnerschaft mit Christopher Just. Entstanden ist dabei ein Album für Menschen, die Musik lieben, weil es Einflüsse aus mehreren Jahrzehnten in ein Werk gießt. "Reduziert" ist für mich das Missing Link zwischen Peter Alexander, Kraftwerk und Daft Punk.

Was waren im Rückblick die schönsten Minisex-Momente?

Nemeczek: Ein besonderer Glücksmoment war, unsere Musik erstmals auf einer wirklichen Schallplatte in der Hand zu halten, dem "Wiener Blutrausch"-Sampler also. Sehr speziell war auch ein Auftritt mit Falco in der Stadthalle. Angst und Euphorie mischten sich da zu einer Melange, die keine Droge bieten kann.

Und was war das unerfreulichste Erlebnis?

Nemeczek: Unser erstes Konzert mit Drahdiwaberl im Audimax. Die Menschen haben ständig "Ausziehen! Ausziehen!" und "Stefan! Stefan!" gerufen, woraufhin wir begonnen haben, sie zu beschimpfen. Keine gute Idee, wir sind nur mit Müh und Not unverletzt davongekommen.

"Weg mit den boring old farts!", hieß es einst. Wie sehen Sie das heute?

Nemeczek: Diese Einstellung ändert sich mit dem Alter, es kommt immer auf das Herz und das Hirn an. Ich kenne 80-Jährige, die sind großartig jung im Geist, im Herzen und im Bauch. Dass man als Junger aber "ihr scheiß Alten!" sagt, gehört dazu. Sonst kann man sich ja nicht entwickeln.

Minisex kamen aus der Punk- und New-Wave-Bewegung, wurden aber schnell vom Austropop eingemeindet. Wie ging es Ihnen damit?

Nemeczek: Das ist eine ambivalente Geschichte. Es hat uns viel Publikum gebracht, identifiziert habe ich mich damit aber nie. Wir sind ja als Gegenstück zur Liedermacherkultur angetreten, der Haltung, dem Sound und der Performance. Ich sehe mich nach wie vor als Popkünstler, aber das "Austro" ist mir nicht so recht.

"Wir lieben den Moment, wenn kaltes Wasser brennt", singen Sie auf dem neuen Album. Was ist damit gemeint?

Nemeczek: Es geht um das aus der Jugend bekannte Gefühl, aufs Ganze zu gehen und alles machen zu können, weil man glaubt, dass einem ohnedies nichts passieren wird.

Ihre Jugend liegt aber lange zurück.

Nemeczek: Ich muss gestehen, dass ich manchmal immer noch völlig irre bin. Daher fällt es mir nicht schwer, dieses Gefühl herzuholen.

Wann waren Sie zuletzt in der Grellen Forelle?

Nemeczek: Vor einer Woche für ein Fotoshooting, vorher noch nie. Es taugt uns aber, die Plattenpräsentation dort zu machen, weil der Club an uns herangetreten sind, nicht umgekehrt. Wir sehen das als Kompliment, eben doch keine boring old farts zu sein.

Auf Ihr Alter nimmt der Beginn des Konzerts allerdings keine Rücksicht.

Nemeczek: Stimmt, die sperren erst um 23 Uhr auf, normalerweise schlafe ich da schon. Das bringt ein großes Probleme mit sich: Wie mein Lieblingssänger Iggy Pop gebe ich es mir immer sehr, wenn ich auftrete. Diesmal geht das nicht, denn wenn ich den ganzen Abend trinke, kann ich nach Mitternacht nicht mehr spielen.

Grelle Forelle, Fr 23.00 (Konzertbeginn: ca. 0.30)


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