Selbstversuch

Locker bin ich nun einmal nicht

Doris Knecht nutzt ihr Wegweiserecht

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 11/14 vom 12.03.2014

Jetzt setzt sich das Kind gegenüber. Es setzt sich schräg hinter den Computer, exakt in die Sichtachse der Mutter, wenn sie von ihrer blöden Arbeit hochblickt, oder was immer die an ihrem Laptop macht. Das Kind lümmelt sich in den Sessel und tut nichts. Gar nichts, hundertprozentig, es sitzt nur da, Haxen über der Armlehne und richtet einen fadisierten Blick ganz knapp an der Mutter vorbei, so dass der Vorwurf des Anstarrens gerade nicht greifen kann. Hängende Arme, die Kinnpartie so locker, wie sie der Yogalehrer während den Krieger-2-Asanas ein einziges Mal gern von mir sehen taterte. ("Entspann dich, lass locker!""Ich bin nicht locker! Nie! Schon gar nicht in dieser Position!") Es ist eine ins Unendliche zerdehnte One-Minute-passiveaggressive-Mutterzermürbungs-Sculpture, die das Kind da performt.

"Was sitzt du da so herum?"

"Darf ich in unserem Wohnzimmer nicht mehr sitzen?"

"Nicht so!"

"Ich tu ja gar nichts."

"Eben!"

Eben. Es tut ja gar nichts. Es macht einen nur wahnsinnig mit der demonstrativen Garnichtstuerei. Und es wird genau so verweilen, außer die Mutter erreicht unerwartet einen Konzentrationsgrad, der es ihr erlaubt, das menschliche Mahnmal visà-vis auszublenden: dann wird es geräuschvoll die Beine auf die andere Armlehne des Sessels hieven und leise seufzen.

"Hast du keine Hausaufgaben?"

"Schon fertig."

"Dann lies was!"

"Ich hab letzte Woche gelesen."

"Ich hab dir drei neue Bücher gekauft."

"Ich weiß. Dann. Jetzt mag ich einfach nur so hier sitzen."

Ich weiß. Und ich weiß, dass es das so lange mag, bis man ihm befiehlt, sich zefixnochamal ins Schlafzimmer vor den Fernseher zu schleichen, was natürlich der reine und einzige Zweck des Schauspiels ist. Ja, zupf dich!

"Gehören der Tisch und die Sessel jetzt dir allein?"

"Gleich überleg ich mir's anders."

Und im Übrigen: Ja, das tun dieser Tisch und dieser Sessel, sie gehören mir allein. Ich hab das vollumfängliche Verfügungs-und Wegweiserecht über diesen Tisch, über diesen und alle anderen Sessel. Da ein ehernes Lebensprinzip des Langen ihm irgendwie abdingbare Veränderung seiner Daseinsumstände strikt verbietet, erreichen neue Dinge diese Wohnung nur via mein Portemonnaie. Jedes einzelne Möbelstück, ausgenommen die Regale, gehören mir allein. Das Sofa, die Sessel, der Tisch, alle Lampen, selbst sein kleiner Schreibtisch gehört mir, denn den hat er ja auch nicht gebraucht, er saß an meinem eh gut.

Mein jüngster Besitz ist ein elegantes kleines 60er-Jahre-Plattenregal in einem Chromstahlrahmen auf Rollen, das der Lange bei E-Bay-Besichtigung entschieden degoutierte: wackliges Gekrakel, brauchma ned. Nun wohnen in diesem meinem perfekten, wunderschönen Regal stabil ein paar Dutzend Schallplatten. Seine natürlich, eh klar.


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