Traumreise durch die Vergangenheit: Bodó macht das Schauspielzum Ballhaus

Lexikon | THEATERKRITIK: HERMANN GÖTZ | aus FALTER 12/14 vom 19.03.2014

Der Spatenstich für das Grazer Theater erfolgte 1774, vor 240 Jahren. Das heutige Schauspielhaus wurde am 14. März 1964 eröffnet. Über zehn Jahre lang war der spätklassizistische Bau zuvor dem Verfall preisgegeben. Warum das hier wichtig ist? Nicht wegen der anberaumten Feier zum 50er, sondern weil "Das Ballhaus" (Mi, 19.30 Uhr), die Premiere am Abend des Festakts, auf wunderbare Weise darauf abgestimmt war: In seinem "Schauspiel ohne Worte" breitet Regisseur Viktor Bodó einen großen Bilderbogen aus, der von den vergangenen 100 Jahren eines Ballsaals erzählt. Es schwingt die Seele des Theaterhauses mit, die Magie belebter Vergangenheit.

Berühmt wurde der Stoff durch den Ettore-Scola-Film "Le Bal". Wie Scola kommt Bodó ganz ohne Dialoge aus, das Grazer Ensemble wird erneut durch seine Szputnyk Shipping Company verstärkt, die Mitarbeit der Choreografin Éva Duda und der Tänzerin Beatrix Simkó macht aus Arbeit echtes Tanztheater. Doch zugleich rauscht man verträumt Richtung Harmlosigkeit. Die Musik Klaus von Heydenabers wird diesmal nicht live geboten, das ermöglicht eine präzisere Abstimmung von Choreografie, Licht und Ton. Bodó entwirft so einen melancholisch-nostalgischen Erinnerungsreigen, dessen hart geschnittene Szenen er mit einer Schlusseinstellung zur Gegenwart verknüpft. Passend zum Sektempfang ist Bodós theatrale Wunderwelt beinahe glattgeschliffen. Waren in seinen ersten Grazer Stücken Anarchie und Perfektion, Schrecken und Staunen noch ausbalanciert, macht er inzwischen vollendetes Traumtheater, aber ohne Alb: Kleinkunst im Großformat. F


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