Theater Kritik

Ein Leben als Hangover: hochkomische Nabelschau

Lexikon | WK | aus FALTER 12/14 vom 19.03.2014

Nach "Der Kameramörder" mit Thomas Maurer (2005) und "Lisa" mit Andreas Vitásek (2012) kommt im Rabenhof nun schon zum dritten Mal ein Roman von Thomas Glavinic als Solostück auf die Bühne. "Das bin doch ich" ist schon deshalb die beste der drei Adaptionen, weil der Rabenhof der perfekte Ort für den 2007 erschienenen Roman ist: Zu seinen stärksten Szenen gehört eine Lesung von Jonathan Franzen ("der größte Starautor der westlichen Welt") im Rabenhof; beim anschließenden Abendessen im Neu Wien treten auch Daniel Kehlmann, Klaus Nüchtern und Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny ("Wissen S', bei uns in Wien isst man gern ein Gulasch!") auf. "Das bin doch ich" ist die hochkomische Nabelschau eines Schriftstellers: Ungefiltert -so scheint es jedenfalls -schreibt Glavinic auf, was er sich so denkt und was er so erlebt. Von sich selbst zeichnet er dabei kein sonderlich schmeichelhaftes Bild: Der Ich-Erzähler ist latent paranoid, soziophob und missgünstig. Christian Dolezal betritt die durch bunte Neonröhren strukturierte Bühne (Ingo Pertramer) mit einem Hangover. Zunächst sind das die Folgen einer Nacht mit zu vielen Spritzern. Im weiteren Verlauf des 75-minütigen Abends (Regie: Thomas Gratzer) aber stellt sich heraus, dass Glavinic keinen Alkohol braucht, um einen Kater zu haben; schon die Zumutungen des Alltags bereiten ihm physische Schmerzen. Eine gewöhnliche Bahnfahrt wird für den Helden zu einem Härtetest, weil da ja auch andere Menschen mitfahren; auf einem stehen gebliebenen Sessellift ist er dem Gelaber seines Schwiegervaters hilflos ausgeliefert. Sehr körperlich und feinnervig spielt Dolezal diesen lächerlichen Schmerzensmann; die zum Teil immense Komik seiner virtuosen Performance lässt sich humortechnisch zwischen Thomas Bernhard und Woody Allen einordnen. Achtung: Bis zur Sommerpause stehen nur noch drei Vorstellungen auf dem Spielplan.

Rabenhof, Fr, So 20.00


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