"Gut, der Wein kommt vor "

Der zuagraste Neo-Wienerlied-Sänger Martin Spengler im Gespräch über seine Wahlheimat

Lexikon | INTERVIEW: GERHARD STÖGER | aus FALTER 12/14 vom 19.03.2014

Mit seinem Debütalbum "Die Liebe, da Dod und de aundan Gfrasta" ist Martin Spengler 2012 scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht. Tatsächlich hatte der in der oberösterreichischen Provinz aufgewachsene 40-jährige Dialekt-Liedermacher schon eine lange Karriere als Musiker zwischen Tanzmusik, Bigband und englischsprachigem Rock hinter sich, bevor er sich selbst ans Mikrofon wagte. Mit seiner dreiköpfigen Band Die foischn Wiener avancierte Spengler, der im Brotjob als Lehrer arbeitet, schnell zu einer Größe der prosperierenden Neo-Wienerliedszene; jetzt präsentiert das Quartett sein zweites Album "Vü föd ned".

Falter: Herr Spengler, sind Sie ein echter oder ein falscher Wiener?

Martin Spengler: Ich bin ein falscher Wiener und deshalb ein echter. Geht man ein paar Generationen zurück, sind hier eh alle Zuagroaste, die echten Wiener kommen aus Sarajevo, Lemberg, Leoben, Linz und von wo auch immer her.

Was zeichnet echte Wiener aus? Spengler: Da muss man aufpassen, weil man sehr schnell bei Klischees landet. Eine etwas langsamere Herangehensweise an die Dinge vielleicht? Nicht alles produziert in Wien unmittelbar gleich Aufregung. Es gibt eine gewisse Gelassenheit, die dem Zusammenleben auch gut tut. Letzte Woche war ich etwa endlich wieder einmal beim Kieser-Training, und beim übernächsten Gerät saß da plötzlich der Bundespräsident. Ich glaube nicht, dass das anderswo so ginge.

Sie bemühen sich, Klischees zu meiden. Aber sind die für Ihre Art von Musik nicht sehr wichtig?

Spengler: Sie sind etwas sehr Wichtiges, aber auch etwas sehr Gefährliches. Man muss die Klischees so stark polieren, dass sie gut erkennbar auf einem Stockerl stehen. Viele Sachen sehe ich aber gar nicht als Klischee. Gut, der Wein kommt vor

...das Trinken, der Tod

Spengler: Ja, aber das sind keine Klischees, sondern Themen, die sich wahrscheinlich in jeder Volksmusik dieser Welt finden. Die Möglichkeit der Lebenserleichterung durch Berauschung, die Angst vor dem Sterben, die Sorge um die Kinder, die Liebe in allen Versuchen und Ausprägungen und in ihrem Scheitern. All das kommt im Wienerlied eben auch vor.

Auf dem neuen Album flüchten Sie vor dem drohenden Weltuntergang ins Wirtshaus.

Spengler: Okay, das ist ein ironisches Klischee-Dingsbums, aber der echte Wiener würde das wahrscheinlich wirklich machen. Ist ja auch nicht die schlechteste Idee.

Was ist in diesem Bild stärker: das schicksalsergebene Hinnehmen oder die achselzuckende Renitenz?

Spengler: Wahrscheinlich das Hinnehmen. Es ist ja unglaublich, uns werden durch die Hypo 15 Milliarden Euro oder mehr gestohlen, jedem von uns tausende Euro, und keine Sau geht demonstrieren. Früher hat man noch geteert und gefedert oder zumindest an den Pranger gestellt, aber heute passiert nichts. Das ist der negative Aspekt des "Schauma mal".

Wie haben Sie als Oberösterreicher sich das Wienerische angeeignet?

Spengler: Das habe ich eh nicht wirklich gemacht. Die Sprache, in der ich singe, ist wie die Musik im positiven Sinne ein Bastard, irgendwas auf der Linie der Westautobahn zwischen Oberösterreich und Wien. Das spiegelt auch mein Leben der letzten 15 Jahre wider. Früher habe ich auf dem Land viel Kommerz gespielt, viele Bälle, und ich glaube, ich habe auf jedem Parkplatz der Westautobahn schon einmal übernachtet. Gleichzeitig lebe ich als Oberösterreicher seit 20 Jahren in Wien. Da kommt dann halt ein oberösterreichisches Wienerisch heraus. Ein foischer Wiener also.

Was unterscheidet den Dialekt vom Hochdeutschen?

Spengler: Unglaublich viel. Die Hochsprache verhält sich zur Mundart wie ein McDonald's-Burger zu einem siebengängigen Menü. Alleine lautmalerisch hast du unglaublich viele Möglichkeiten, du hast Unmengen an Synonymen, und die Sprache ist ungleich runder, zum Singen also wie geschaffen. Mir ist auch wichtig, dass das eigentlich eine Literatursprache ist und keine Zweite-Klasse-Sprache, die man halt verwendet, weil man das Hochdeutsch nicht beherrscht. Im Austropop hatte man teilweise dieses Gefühl, bis auf den Danzer war das ja kaum wo literarisch hochwertig.

A propos Literatur: Das neue Lied "Zwa Rässa" trägt den Untertitel "Ballade von Michael Kohlhaas". Wie kommt denn der auf Ihr Album?

Spengler: Über die Pferde. Es gibt ein Lied von Kollegium Kalksburg, in dem heißt es "Leberkas' san bold scho meine Rässa". Dort geht es um etwas, das auch zutiefst Wienerisch ist. Wenn den Wiener das Phlegma nämlich verlässt, ist ihm alles wurscht und er will einmal noch richtig draufhauen. Der Kohlhaas ist auch so einer. Da geht es um alles, egal, was passiert. F

Radiokulturhaus, Fr 19.30


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