Enthusiasmuskolumne Diesmal: der langsamste Popstar der Welt der Woche

George Michael, König der Entschleunigung

Feuilleton | Sebastian Fasthuber | aus FALTER 12/14 vom 19.03.2014

Vor zehn Jahren veröffentlichte George Michael sein letztes Studioalbum "Patience". Fans des Sängers sind notgedrungen geduldige Seelen. Denn schon nach dem Album "Older", mit dem der ehemalige Wham!-Posterboy seine zweite Karriere als Edel-Soulpopper krönte, hatte er sie acht Jahre warten lassen.

Seine wirklich produktive Phase hatte Michael in den 80ern. Seither kann man fasziniert beobachten, wie seine Maschine immer langsamer läuft. Wenn er heute in Konzerten den Song "Praying for Time", in dem er vor 25 Jahren Schnelllebigkeit und Konsumwahn geißelte, mit leicht abgewandeltem Text singt, bettelt er am Ende besonders inbrünstig um "tiiii-iiime". Es ist der Gesang eines Mannes, dem alles zu schnell geht.

Mit "Symphonica" ist nun wieder ein "neues" Album des Sängers mit der schönsten Popstimme der Welt erschienen. Bei näherer Betrachtung erweist es sich freilich als eine weitere luxuriöse Abschweifung im Katalog, in den schon so einige Best-of-Sammlungen Eingang gefunden haben.

Nun also "Symphonica": Aufnahmen, die 2011 und 2012 im Zuge einer Europa-Konzertreise mit großem Orchester gemacht wurden. Der Meister singt eigene Werke vorwiegend aus dem Balladenfach ("One More Try", "John and Elvis Are Dead") sowie einige recht brave Versionen von Klassikern wie "My Baby Just Cares for Me" oder "Feeling Good". Er sorgt für makellosen Wohlklang, das Orchester darf nur einen zarten Schmelz über die Stücke und seine Stimme fließen lassen.

Ist George Michael auf dem langen Weg von "Wake Me Up Before You Go-Go" ins Heute die Feder eingerostet? Mitnichten! Während alle pausenlos produzieren und ständig auf Sendung sind, legt er das eine oder andere Päuschen ein. Long may he procrastinate!


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