Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Wahlqual

Falter & Meinung | aus FALTER 12/14 vom 19.03.2014

Vor die Wahl gestellt, die Brüste der US-Performerin Annie Sprinkle oder den "Filzkopf" des Frontmannes der Band Soul Asylum auf dem Cover auszustellen, entschied sich die Falter-Redaktion blind gegen Sex. Dabei hätte die Performerin - ob Pornostar, radikale Feministin oder beides, der Falter-Text ließ die Frage offen - zumindest den strategischen Vorwand geboten, politisch unangreifbar nackte Brüste zu zeigen. Wenigstens das Feuilleton ließ die Chance nicht aus; der Zuschauer in Sprinkles Show, von der Markus Wailand berichtete, sah auf dem abgebildeten Foto eher verdutzt als erotisiert aus, während ihm die Brille verrutschte, weil Sprinkles nackte Brüste ihm links und rechts übers Gesicht hingen.

Das beinharte Kontrastprogramm dazu bildete ein Artikel auf der gegenüberliegenden Seite, in dem der Philosoph Herbert Hrachovec die Editionspraxis der Herausgeber von Wittgensteins Schriften im Suhrkamp-Verlag geißelte: "Feine Freunde das. Sie schneiden 64 Bemerkungen weg, setzen an ihre Stelle 295 nummerierte Notizen aus anderen Quellen, fügen als Abschnitt I eine Niederschrift vom März 1951 (!), als Abschnitt II hingegen schwer datierbare (ebenfalls redigierte) Überlegungen einer weiteren Arbeitsphase ein - und fertig sind Wittgensteins ,Bemerkungen über die Farben'." Immerhin blieb die Hoffnung auf die neue, Wiener Ausgabe von Wittgensteins Schriften im Springer-Verlag.

Im politischen Teil stellte man unter dem Titel "EU, EU - EU weh?" Befürworter eines Beitritts zur Europäischen Union Gegnern gegenüber. Wie würde sich das Stadtbild Wiens verändern, fragte der Falter. EU-Staatssekretärin Brigitte Ederer beruhigte: Österreich sei sehr wohl in der Lage, in der EU Umweltstandards einzuhalten. Man rechne mit 48.000 neuen Jobs, aber keinem dramatischen Bevölkerungswachstum. Ihr Widerpart, der EU-Sprecher der Grünen, Johannes Voggenhuber, malte die Apokalypse an die Wand. Unter abgaswolkenverhangenem Himmel, sagte er, werde man Wiener in Nato-Uniformen patrouillieren sehen, Mitglieder des Eurocorps bei dessen "Friedenseinsätzen". AT


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