Einfühlung via Aneignung: James Benning bei der Diagonale und im Kunsthaus

Lexikon | KUNSTKRITIK: ULRICH TRAGATSCHNIG | aus FALTER 12/14 vom 19.03.2014

Die diesjährige Kooperation zwischen Kunsthaus und Diagonale umkreist die Arbeit des Filmemachers James Benning. Im Diagonale-Programm ist ihm eine Matinee gewidmet, das Kunsthaus hat ihm eine Personale eingerichtet.

Die von Peter Pakesch kuratierte Ausstellung "Decoding Fear" zeigt Benning als hochpräzise und akribisch arbeitenden Künstler, der es wie kaum ein Zweiter versteht, die Impulse von Analytik und Einfühlung zusammenzubringen. Das läuft bei ihm sehr puristisch und über den Modus der Aneignung ab und betrifft zwei sehr unterschiedlich tickende Widerständige: den Philosophen Henry David Thoreau, dessen Essay "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat" Großmeister des gewaltfreien Widerstands wie Martin Luther King oder Mahatma Gandhi inspirierte, und den Unabomber Theodore Kaczynski. Dazu hat Benning nicht nur die Schriften der beiden studiert, er hat sie auch reproduziert, den darin enthaltenen, abstrakten Codes und Vorstellungen ihre unhintergehbar faktische Grundlage entgegengehalten.

Um die Einfühlung in ein Leben jenseits des Systems perfekt zu machen, hat er die Einsiedeleien von Thoreau und Kaczynski rekonstruiert. Ein Film zeigt die Replik von Kaczynskis Hütte in einem langatmigen Landschaftsbild. Dazu rezitierte Tagebuchsequenzen stellen der unschuldigen Natur die eigentliche Wildnis gedanklicher Verästelungen gegenüber. Genial ist die Entscheidung, Modelle in Originalgröße der beiden Häuschen in die Schau zu integrieren. So kann sich der Besucher in Einfühlung üben. Aneignung nicht empfohlen. F Kunsthaus Graz, bis 1.6


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