Selbstversuch

Um halb zwei unterm Garderobenständer

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 12/14 vom 19.03.2014

Vierundzwanzig Stunden Leipzig, war super. Angekommen, eingecheckt, dann bei der etwas steiflichen Randomhouse-Party gleich einen netten deutschen Verlagsmenschen vertrieben. ("Wie heißt Ihr Roman,'Gruber kommt'?" "Nein,'Gruber geht'. Er kommt zwar im Laufe des Buches ein paar Mal, aber im Titel geht er.""Oh, ah, da drüben sehe ich gerade meine Chefin, ich muss dann mal.") Weiter auf die Tropenparty, um dort gegen Mitternacht dem jungen deutschen Kritikerstar das Wesen der deutschsprachigen Literatur zu erklären. Dann bisschen zur Musik abgezuckt, ordentliches Tanzen war wegen Überfüllung unmöglich. War aber nett zwischen all den angedüdelten Jungverlegern, Kritikern, Buchhändlerinnen, Buchpreisnominierten und anderen Schriftstellerinnen. Kuschelig. Hi, ich schreibe übrigens auch! Gegen halb zwei lag man unter dem Garderobenständer, denn man war zeitig erschienen und hatte seinen schwarzen Mantel an einem der kahlen Äste appliziert, an dem nun weitere 500 schwarze Mäntel wucherten, unter welchen nun der eigene zu ertasten war. Aus dem Blickwinkel eines jungen Starkritikers sieht das womöglich anders und minderelegant aus. Diese peinlichen Österreicherinnen immer! Es ist doch bei jeder Buchmesse dasselbe.

Dann ins Hotel, bisschen schlafen, dann zur Messe, Messedinge tun, lesen, plaudern, beschwichtigen, leer versprechen, endlich einmal wiedersehen, Beute machen und ab dem Nachmittag bei Otto Müller, Jung und Jung, Picus oder Czernin um Wein und Sherry vorstellig werden, weil irgendwo, in den Schubladen und Schränken ihrer Messestände, verstecken die das.

Im Beutebeutel fanden sich auch diesmal wieder die Tagebücher von Fritz J. Raddatz, deren zweiter Teil. Daheim wollte man zwischen der vorletzten und der letzten Folge "True Detective" nur ein bisschen hineinschmökern und nach Art der modernen Menschen ein lustiges Zitat für den Facebook-Status herausfladern, wurde aber binnen Minuten eingesaugt und völlig verstrickt. Herrlich. Gescheit. Irre.

ICHICHICH in den Stilniederungen, in der Undankbarkeitshölle, im ewigen Eis der deutschen Dumpf-und und Stumpfheit, die Leute haben überhaupt keinen Anstand mehr, die Verlage sowieso nicht; sagen, man soll ein Glas Champagner auf das schöne Manus trinken, ohne vorher ein Flasche geschickt zu haben, wie es sich gehörte. Am schönsten immer die Stellen, wenn er bei Großschriftstellers eingeladen ist, wie die leben, wohnen, essen, feiern. Manchmal exakt wie wir, Grassens jedenfalls, wo Raddatz mit Unbehagen Schmerztabletten unversteckt "in der beengten Küche" herumliegen sehen und dann auf unbequemen Stühlen aus Ikea-Schüsseln speisen musste. Während Kempowski von seinem Verlag einen Assistenten/Chauffeur/Butler gestellt bekommen hatte: Daran gilt es zu arbeiten, der hätte abends den Wagen vor- und mich von Leipzig heimgefahren.

So teilte ich mir Taxis und Flugzeug mit anderen österreichischen Wortmenschen. War super.

Doris Knecht erklärt dir dann mal das Wesen der Literatur


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