Der Weltschmerz hat kein Ende

Der isländische Künstler Ragnar Kjartansson führt mit Freunden einen Roman bei TBA21 auf

Lexikon | PORTRÄT: NICOLE SCHEYERER | aus FALTER 13/14 vom 26.03.2014

Ein Mann am Flügel, mitten im Schnee, ringsumher eine grandiose Bergkulisse. In Bärenfellmützen und gefütterten Lederjacken stimmen bald auch ein Banjospieler und ein Gitarrist einen berührenden Folksong an. Die bei minus 20 Grad in Kanada produzierte Musikperformance "The End - Rocky Mountains" von Ragnar Kjartansson bildete 2011 den Höhepunkt einer Gruppenschau in Francesca Habsburgs Kunstraum TBA21. Vor den fünf Screens, die am Dachboden der privaten Kunstgalerie hingen, wollte man am liebsten ewig verweilen.

Letzten Sommer erklang wieder betörende Musik aus einer Wiener Ausstellung Kjartanssons, diesmal bei TBA21 im Augarten. Für die 9-Kanal-Videoinstallation "The Visitors" hatte der 1976 geborene Isländer seine Freunde in ein Herrenhaus nach Upstate New York zusammengetrommelt. Die Ausstellung zeigte schließlich die über die Räume der charmant heruntergekommenen Villa verteilten Musiker, die in der Zusammenschau gemeinsam ein Stück spielten. Das Bild von Kjartansson selbst, der total entspannt in der Badewanne die Gitarre zupft, blieb dabei wohl am stärksten im Gedächtnis hängen.

Auf der Klaviatur des Künstlers als Bohemien und Romantiker vermag der 1976 geborene Vollbartträger mit Haartolle virtuos zu spielen. Auf seine eigene ironische Weise bedient er auch gern das Klischee des melancholischen Nordländers, der sich vor Weltschmerz in den Exzess stürzt. Kjartansson stammt aus einer Theaterfamilie, seine Mutter war Schauspielerin und sein Vater Regisseur. Er selbst ist -noch vor der Kunst -der Musik verfallen. Seit seiner Schulzeit spielte der Künstler stets in Bands und bis heute kommt kaum eine seiner Performances ohne Melodie aus.

So bezauberte er auf der letzten Biennale in Venedig mit der eigens für das Arsenale erdachten Soundarbeit "S.S. Hangover". Auf einem alten Fischerboot kreuzte dabei ein Blechbläsersextett zwischen den Docks umher und spielte vier Tage lang immer wieder eine feierlich-schwermütige Fanfare, die Kjartan Sveinsson -Ex-Bandmitglied von Sigur Rós -komponiert hatte.

Die ewige Wiederkehr ist bei Kjartansson Programm. "Wiederholung ist sicher eines der stärksten menschlichen Elemente. Es ist auch das Fundament aller Religionen", erklärte der Künstler, der als Kind endlos bei Theaterproben zusehen musste, in einem Interview. Die Wiederholung als Ritual bestimmte auch seinen Performanceauftritt als Crooner, bei dem er im weißen Anzug endlos nur den Satz "Sorrow Conquers Happiness" sang. Wiederholung bis zur totalen Erschöpfung kennzeichnete Kjartanssons Zweitagesspiel als Ritter in einer Frankfurter Galerie, bei der er in einer Rüstung aus Karton die Orgel spielte.

Im Wiener Kunstraum Bawag Contemporary 2011 heuerte Kjartansson jedoch andere an und delegierte das Sich-Müde-Musizieren. Ein Trupp junger Barden mit Gitarren gab im Ausstellungsraum für die Besucher ein "verkatertes Männervolk nach durchzechter Nacht". Parallel zu dieser Performance lief das Video "Take me here by the dishwasher. Memorial for a marriage", das seine Schauspielereltern in einem Spielfilm der Siebzigerjahre bei einer Liebesszene zeigte. Die engagierten Musiker sangen witzigerweise immer wieder den Dialog des Paares, der dem Sex im Film vorangeht.

Die Prägung durch seine Eltern verarbeitet und betont Kjartansson immer wieder. Durch seinen Vater sei er schon jung mit dem Roman "Weltlicht" von Schriftsteller und Nobelpreisträger Halldór Laxness in Berührung gekommen, der im Zentrum seines neuen Wiener Kunstprojekts steht. Abermals tritt der Künstler mit Freunden bei TBA21 auf, jetzt allerdings live: Der sympathische Dandy reist mit siebzehn Mitstreitern an, um vor Ort und coram publico einen isländischen Romanklassiker dramatisch aufzuführen und zu filmen.

Die zwischen 1937 und 1940 entstandene vierteilige Saga handelt von einem Dichter, dem von seiner Umwelt böse mitgespielt wird. Von den Eltern verstoßen wächst er als Gemeindepflegling heran, muss schwere körperliche Arbeit verrichten, leidet Hunger, an Schlägen und menschlicher Kälte. Später lebt der Literaturliebhaber in ärmlichen Verhältnissen an der Seite einer ungeliebten Frau, seine Kinder sterben, wegen Vergewaltigung kommt er ins Gefängnis. Dort hat er eine Vision, und nach seiner Entlassung erfüllt sich doch noch sein Traum von Schönheit und Vollkommenheit.

"Der Roman spricht das Kernproblem des 21. Jahrhunderts an: die Politik der Schönheit", sagt Kjartansson zur Grundlage seiner Ausstellung "Das Schloss des Sommerlandes". Vom 3. bis zum 27. April werden die Isländer bei TBA21 in einer Art Dauerperformance leben und spielen. Die Besucher sind eingeladen, mehrmals wiederzukommen, und ein Dichterleben "voller Schicksalschwere, Einsamkeit, Tod, Perversion" zu erleben. Der dramatische Stoff geht sicher nicht aus: Laxness' Roman hat mehr als 650 Seiten.

TBA21, ab Do 19.00; Ausstellung bis 8.6.


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