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Bücher, kurz besprochen

Politik | MONA EL KHALAF | aus FALTER 13/14 vom 26.03.2014

Einblicke in eine Kriegssituation

Ost-Beirut im Jahr 1984. Eine ganz normale Familie, vierköpfig mit zwei Kleinkindern, eines davon ist erst drei Jahre alt. Die Kinder haben Angst. Warum? Die Eltern sind auf Besuch bei den Großeltern. Nur ein paar Straßen weiter. Ein Weg, den man eigentlich in wenigen Minuten zurücklegen kann. Aber nicht zu dieser Zeit. Es herrscht Krieg. Überall Barrikaden, auf den Dächern Scharfschützen. Wasser, Nahrungsmittel und Heizmaterialien sind knapp. Die Nachbarn rücken zusammen. In dem Zimmer, das das sicherste im ganzen Haus zu sein scheint. Die Eltern müssten längst schon zurück sein. Kein Zeichen von ihnen. Das Telefon ist stumm und bleibt es für viele Stunden. Überall sind Bomben und Maschinengewehrsalven zu hören. Die Nachbarn bemühen sich, die Kinder abzulenken, vom Krieg und von der Abwesenheit der Eltern. Endlich der erlösende Anruf der Eltern: Es geht ihnen gut, aber es gibt derzeit keinen sicheren Weg nach Hause. Draußen herrscht Krieg.

Sensibel, fantasievoll und bisweilen herzzerreißend komisch erzählt die libanesische Künstlerin Zeina Abirached von einer Kindheit im Bürgerkrieg, vom menschlichen Miteinander in Krisenzeiten und der Konstruktion von Sicherheit und Heimat auf wenigen Quadratmetern. Es ist ein bewegendes Buch über die Bedeutung von Krieg für Menschen wie dich und mich. Das in der Graphic Novel skizzierte Szenario könnte sich überall abspielen, nicht nur im Beirut der 1980er. Und das tut es auch: in Syrien. Im Osten des Kongo. Im Norden von Mali. Vielleicht auch bald auf der Krim. Nur nicht in der Europäischen Union. Zum Glück.

Zeina Abirached: Das Spiel der Schwalben. Cambourakis, Paris 2007 (deutsche Fassung: Avant-Verlag, Berlin 2013), 182 S., € 19,95


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