Enthusiasmuskolumne Diesmal: der schönste Gedichtband der Welt der Woche

Die Wachheit der Poesie gebiert Schafe

Feuilleton | JULIA KOSPACH | aus FALTER 13/14 vom 26.03.2014

Geht es nach Christian Morgenstern (1871-1914), hat sich der "Geburtsakt der Philosophie" fast beiläufig in ganz und gar bukolischer Idylle vollzogen, und doch blieb dabei kein Stein auf dem anderen. Oder sollte man besser sagen: kein Auge trocken? "Erschrocken staunt der Heide Schaf mich an, / als säh's in mir den ersten Menschenmann. / Sein Blick steckt an; wir stehen wie im Schlaf; / mir ist, ich säh zum ersten Mal ein Schaf."

Wenn es gilt, den Schöpfer der "Galgenlieder" zu ehren, im Rahmen derer die Philosophie dieserart denkwürdig gereimt ihren Anfang nimmt, kann man das nun in gebührender Form tun. Nämlich indem man sich die illustrierte Neuausgabe "Alle Galgenlieder" zulegt, die zum 100. Todestag Morgensterns am 31. März erscheint (Edition Büchergilde, 368 S., € 28,80).

Es ist ein herrliches Buch. Zunächst natürlich wegen der "Galgenlieder" selbst, dieser saukomischen, sprachspielerischen Gedichtsammlung. Was dieser Ausgabe aber erst ihre wahre vergnügenspralle Pracht verleiht, sind die Illustrationen von Hans Ticha. Da beugt man bereitwillig das Knie vor der Kunst des in Ostdeutschland sozialisierten Grafikers und Malers (Jahrgang 1940), dem die bildnerische Umsetzung mit derselben Kunstfertigkeit, Eleganz, Originalität und Komik gelingt, die auch Morgensterns Spracheinfällen eigen ist. Bunt und verspielt oder grafisch und reduziert stehen Tichas Bilder nicht bloß illustrierend neben Morgensterns Gedichten, sondern nehmen ganz unmittelbar und vielfältig auf diese Bezug.

Dass einer sich freiwillig formal so einschränkt und dabei so souveräne, schwebend leichte Resultate produziert, ist die reine Poesie perfekt beherrschten Handwerks. So rein wie die von Morgensterns Galgenliedern.


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