Menschen

Messiaskomplex

Falters Zoo | KLAUS NÜCHTERN CHRISTOPHER WURMDOBLER | aus FALTER 13/14 vom 26.03.2014

Auf Chris Lohner können sich irgendwie alle einigen. Die Stimme der ehemaligen Fernsehansagerin und Schauspielerin ("Kottan ermittelt") schmeichelt Bahnfahrgästen, die Frisur ist zeitlos und sitzt, ihr Charity-Engagement (Licht für die Welt) ist sehr überzeugend, sie liefert keine blöden Skandale und ihre Ratgeberbücher kommen beim Publikum auch super an. Nun ist die reizende Frau Lohner in einem Alter, in dem sie sich offenbar auch ratgebermäßig mit dem Alter befassen mag. "Jung war ich lang genug ..." (Echo Verlag), lautet der Titel jenes Büchleins, das Chris Lohner, 70, vergangene Woche im Leopold Museum präsentierte. Untertitel "... jetzt schau ich mir mal zu beim Älterwerden". Und irgendwie schaut man da auch gerne dabei zu. Oder, um es mit Museumshausherrin Elisabeth Leopold zu sagen: "Gustav Klimt hätt seine Freude gehabt."

Vergangenen Mittwoch und Donnerstag füllte die britische Celebrity-Skandalnudel Russell Brand das Gartenbaukino, wo er sein Publikum zuerst gehörig warten ließ, dann aber sofort auf Tuchfühlung ging. Der Mann, der sich bewegt wie ein Kranich, der von Beruf Stangentänzer ist, umarmte Männer mit viel Gesichtshaar und meinte: "Es passiert nur selten, dass ich bloß das zweitähnlichste Jesus-Lookalike im Saal bin." Mit unfassbarem Tempo und einer schwer zu überbietenden Dichte an Masturbationspantomimen, Ejakulationswitzen und anderen Sauereien spulte der hyperexpressive Brand sein Programm "Messiah Complex" ab und bewies, den eigenen Narzissmus auf die Schippe nehmend, dass er "irgendwie" tatsächlich ein bisschen so ist wie Jesus, Gandhi, Che Guevara und Malcom X. Und warum der Kommunismus der

Sowjetunion ein bisschen so war wie ein angewichstes iPad, hat er auch noch ganz glaubwürdig erklärt. Mr. Brand sprach dann übrigens auch noch auf einer Pressekonferenz im UNOBüro zur Drogenkontrolle und Verbrechensverhütung . Angeblich auch sehr glaubwürdig.

Seltsame Antireiseführer über Wien boomen ja momentan. Am 8. April präsentiert im Mitte-Thalia ein weiterer Spaßmacher sein Werk: Clemens Haipl. "The Wiener takes it all" (Metro Verlag) lautet der abbaeske Titel des Buches, für das sich sein Autor "extra in Wien hat gebären lassen". Standesgemäß im Alten AKH, ausgerechnet dort, wo sich heute ein Bierlokal befindet. Haipl: "Das kann kein Zufall sein."

Ebenfalls kein Zufall ist, dass Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder im Rathaus und unter Beisein von jeder Menge Prominenz mit dem Goldenen Ehrenzeichen für seine Verdienste um das Land Wien ausgezeichnet wurde. "Das Lebenswerk von Klaus Albrecht Schröder konnte nur realisiert werden, weil er selbst immer davon überzeugt war", analysierte Philosoph Konrad Paul Liesmann in seiner Laudatio treffend und man wunderte sich: Wieso wurde der Mann erst jetzt vergoldet?

Der Wiener Hauptbahnhof ist noch gar nicht fertig, schon waren die Street-Artisten am Werk? Nein, doch nicht der Puber! Und bevor das Geraunze jetzt wieder losgeht: Alles war legal. Die ÖBB haben Graffi tikünstlern mit internationalem Ruf in der Eingangshalle eine 170 Quadratmeter große Fläche, die Galerie Ernst Hilger mit Katrin-Sophie Dworczak eine Kuratorin zur Verfügung gestellt. Bis Ende Mai kann man nun noch unter dem etwas bräsigen Titel "HauptKUNSThof" die Arbeiten der lateinamerikanischen Schablonenkünstler Stinkfish und The Stencil Network bewundern, dann werden sie für den guten Zweck versteigert. Und: die ÖBB weisen ausdrücklich darauf hin, dass "illegales Sprayen weiterhin verboten" ist. Nur für den Fall, dass Puber ...

E-Mail an den Zoo: zoo@falter.at


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