Hörbuch der Stunde

2320 Minuten im Ballsaal und auf dem Bauernhof

Feuilleton | Kirstin Breitenfellner | aus FALTER 14/14 vom 02.04.2014

In seiner berühmten Abhandlung "Tolstoi oder Dostojewski. Analyse des europäischen Romans“ aus dem Jahr 1959 stellt George Steiner die beiden "Meister aus Russland“ einander diametral gegenüber: Dostojewski gilt ihm als Dramatiker, der auf Charaktere und Spannung aus ist, Tolstoi als Epiker, der sich die Zeit nimmt, eine ganze Epoche, ein Panorama auszubreiten.

Die ungebrochene Modernität von Tolstoi liegt aber in seiner stupenden Fähigkeit, in die Tiefe der menschlichen Psyche zu schauen, und das bedeutet, anders als bei Dostojewski, nicht deren Abgründe, sondern ihre Feinheiten, Facetten, harmlosen Geheimnisse, Gekränktheiten, ihre Labilität und Abhängigkeit sowie ihre von Zweifeln getriebene Sinnsuche.

Diese lässt sich nun genüsslich nachvollziehen in einer ungekürzten Lesung von Tolstois 1877/78 erschienenem Roman "Anna Karenina“ auf 30 CDs mit 2320 Minuten Lesezeit. Für Ulrich Noethen, der 2009 bereits "Krieg und Frieden“ auf sage und schreibe 54 CDs einlas, ein


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