Doris Knecht Selbstversuch

Man ist ja bitte keine Schülerin mehr

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 14/14 vom 02.04.2014

Es ist dann aber immer noch nicht so, dass man gerne von sich hört oder, ausgerechnet in einem gut gemeinten Verteidigungdings, über sich liest, man sei halt mit dem Älterwerden schon etwas sehr langweilig geworden. Das löst immer noch einen spontanen Verteidigungsreflex aus. Erstens, stimmt doch gar nicht!, was ist denn daran und daran und daran langweilig, zweitens, schau dich selber an, wieso soll das weniger fad und spießig sein, was du …? Durchatmen. Wuascht, bitte. Wen juckt’s? Man ist ja, wenn das also langweilig ist, gern langweilig, und mit entschiedener Absicht, genau so will man es, und wie andere das rezipieren, spielt normalerweise schon sehr lange keine Rolle mehr. Man ist ja keine Schülerin mehr, die sich von anderen das Dasein benoten lassen muss; setzen, fad. Bizarr, dass es einen dann doch zwickt.

Eh: Andere mögen ihre Sonntage aufregender verbringen, man selbst watet jetzt durchs Badezimmer zur Tiefkühltruhe und holt Eis, eins für die Horwathin, eins für den Horwath, eins für einen selber. Der Horwath rechnet aus, dass das ungefähr die Kalorien sind, die man laut App in der Früh im Wald verbrannt hat. Auch der Horwath lässt sich jetzt von Runtastic seine Sportlichkeit dokumentieren.

Wir lümmeln in der Sonne vor dem Haus, essen das Eis und checken, was der Horwath in der Früh so weggelaufen ist.

"Da stehen aber nur vier Kilometer, hast du nicht gesagt, es waren acht?“

"Ich hab’s ja abgestellt, bevor ich zurückgelaufen bin.“

"Ach so.“

"Ja!“

"Und was ist das, bitte? Du läufst mit 21,6 km/h? Du bist mit dem Fahrrad gelaufen, gib’s doch zu!“

"Höchstgeschwindigkeit, Oide! Lesen lernen! Und es ging abwärts. DA steht die Durchschnittsgeschwindigkeit.“

"Das ist deine Durchschnittsgeschwindigkeit? Da gehe ich ja schneller, kuckstu, hier. Magst noch ein Eis?“

Exakt vor einem Jahr lagen hier fünfzehn Zentimeter Schnee, und die Kinder haben einen Schneehasen gebaut, jetzt nackte Füße, knallgrünes Gras, knospende Bäume, und wenn es einer von uns schafft, den Hintern vom Sessel zu kriegen, werden wir dann bald den Grill anwerfen, denn wir haben großartige Würste von der Bäuerin und ein Sauerkraut vom Staud.

"Die Kinder könnten eigentlich grillen.“

"Genau, die Kinder sollen das machen, Spitzenidee. Wo sind die eigentlich?“

"Keine Ahnung. Glas Wein?“

"Fastenzeit.“

"Ach ja, Entschuldigung, vergessen.“

Natürlich: Das muss man aushalten wollen und können, so ein weitgehend kickfreies Leben. Bzw.: ein Dasein eh voller Kicks, die aber so winzig sind, dass sie für andere mit freiem Auge nicht erkennbar und leicht mit einer Art Wachkoma zu verwechseln sind. Ist das ein Lächeln? Ja, alles fad, bestens.

Doris Knecht hält das gut aus


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