"Darauf habe ich keinen Bock"

Die Wir-sind-Helden-Sängerin Judith Holofernes stellt ihr Soloalbum "Ein leichtes Schwert" vor

Lexikon | INTERVIEW: GERHARD STÖGER | aus FALTER 14/14 vom 02.04.2014


Foto: Chris Voy

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Ihre Band Wir sind Helden hat Judith Holofernes 2012 auf Eis gelegt, sie selbst wollte damals in erster Linie schreiben und nichts tun. Allzu lange klappte das nicht: Anfang des Jahres meldete sich die Berliner Musikerin mit dem aufgeweckten Soloalbum „Ein leichtes Schwert“ zurück.

Falter: Frau Holofernes, wann standen Sie erstmals öffentlich auf der Bühne?

Judith Holofernes: Ich habe im Schulchor ein Solo gesungen, „One world is enough for all of us“ von Sting. Mit 14 fing ich mit der Straßenmusik an, und das war knapp davor. Wahrscheinlich war ich also gerade noch 13.

Seitdem haben Sie die Bühne nicht mehr verlassen, oder?

Holofernes: Mit 18 oder 19 ist mir ein Jahr lang die Stimme weggeblieben und ich hätte beinahe aufgegeben, weil das Singen so weh tat. Ich hatte auf der Straße einfach zu viel herumgeplärrt. Das war aber die einzige Unterbrechung.

Und dann haben Sie vor zwei Jahren ernsthaft gedacht, das Singen erst mal bleiben lassen zu können?

Holofernes: Dass ich meine Gitarre nicht ganz wegpacken würde, war mir schon klar. Wie toll ich aber Musik machen muss, habe ich erst gemerkt, als ich diesem Bedürfnis nach Rückzug nachgegeben hatte. Das hat mich überrascht. Und auch gefreut.

Wir sind Helden fehlen die Visionen, meinten Sie damals. Warum hat sich die Band dann nicht aufgelöst?

Holofernes: Das haben wir sehr bewusst nicht gemacht, es gab ja keinen Streit oder so. Ganz abgesehen davon, dass ich es auch doof finde, sich mit Riesenbrimborium und zehn Abschiedstourneen aufzulösen. Ob und wie es weitergeht, wissen wir alle nicht. Hätten wir gesagt, dass wir das nie wieder machen, wären wir aber alle untröstlich gewesen.

Früher hatten Sie stets die Band an Ihrer Seite, Ihr Soloalbum haben Sie alleine erarbeitet. Wie hat sich das angefühlt?

Holofernes: Traurig, aber auch total euphorisierend und insgesamt sehr leicht. Ich musste Sachen lernen, über Schatten springen und Dinge selber übernehmen, für die früher Bandkollegen zuständig waren. Wie in einer Familie gab es da eine unbewusste Rollenteilung, die man nicht infrage stellt oder nicht einmal bemerkt – bis es wegfällt und man sich mit einem Mal selbst darum kümmern muss. Auf den Demos habe ich teilweise sogar Bass gespielt. Der Song hat dann eben nur vierzig Sekunden gedauert, weil ich nicht länger Bass spielen kann.

Ihr Künstlername spielt auf eine alttestamentarische Geschichte an. Der Feldherr Holofernes wird darin von der heldenhafte Judith enthauptet. Wann haben Sie den Namen angenommen?

Holofernes: Gegen Ende meiner Teenagerzeit, auf einer langen Busfahrt zu meiner damaligen Rohrkrepiererband, die am Arsch der Heide vor Freiburg geprobt hat. Auf Familienfesten wurde ich immer von wohlmeinenden Onkels mit der Geschichte von Judith und Holofernes belabert. Ich dachte, dass ich diese Antagonisten jetzt vereine. Mit 18, 19 findet man so eine leichte Schizophrenie ja lustig.

Und heute?

Holofernes: Zur Helden-Zeit wollte ich nie über den Namen reden. Ich sagte immer: Ach, ich war jung und brauchte den Gag. Jetzt merke ich, dass es besser zu mir passt, als ich dachte oder wahrhaben wollte.

Kunstfigur haben Sie allerdings
keine geschaffen.

Holofernes: Nein, und es wäre mir auch zu anstrengend, ständig eine Fassade aufrecht erhalten zu müssen. In Interviews nicht ich selbst sein zu können, darauf habe ich keinen Bock. Manchmal habe ich das aber auch schon bereut. Ich bin nicht immer extrovertiert, manchmal möchte ich auch einfach zu Hause sitzen und „Homeland“ gucken. Nur leider warten in der Halle 3.000 Leute. In so Momenten dachte ich schon manchmal, hätte man eine Persona, für die es total stimmig ist, mit ausgestrecktem Mittelfinger auf die Bühne zu gehen oder sich das ganze Konzert lang nicht umzudrehen, wäre es jetzt leichter.

Wie überbrücken Sie auf Tour eigentlich die vielen Zeiten des Wartens?

Holofernes: Ich mache mir ein gutes Mixtape an und tanze dazu eine Stunde lang, danach bin ich viel besser drauf als vorher. Durch Schreiben kann ich auch viel Zeit rumbringen. Mit dem Blog habe ich mir einen kleinen Salon geschaffen, und ich hoffe, dass ich da dranbleiben kann, weil ich das Schreiben einfach zum Glücklichsein brauche. Früher habe ich auch viel meditiert. In so einem Musikerleben ist das natürlich ein Anker, der wahnsinnig viel Wert ist. Leider macht es einem aber genau dieses Leben schwer, sich im Backstagebereich hinzusetzen und wirklich einmal für 45 Minuten auszuknipsen.

Arena Wien, Mi 20.00 und p.p.c. Graz, Do 19.00


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