Theater Kritik

Theater-Märchen aus tausendundeiner Welt

Lexikon | WK | aus FALTER 14/14 vom 02.04.2014

Für die Recherchen zu seinem Stück "Allerwelt" hat der Wiener Philipp Weiss (geb. 1982) einen Monat in der Simmeringer Flüchtlingssiedlung Macondo verbracht. Herausgekommen ist aber kein Doku-Drama, sondern ein auf fast schon anachronistische Weise poetisches Stück. Macondo heißt hier Allerwelt, und seine Bewohner haben zwar konkret beschriebene Flüchtlingsbiografien, sind aber durch und durch literarische Figuren, denen der Autor fein ausdifferenzierte Kunstsprachen angedichtet hat.

Den märchenhaften Charakter verstärkt Regisseur Pedro Martins Beja noch. Die Bühne (Janina Audick) ist mit einem Gazevorhang verhängt und mit kitschigen Schmetterlingen dekoriert, die ganze Atmosphäre hat etwas Flirrendes. Das umfangreiche Stück besteht aus über 80 kurzen Szenen, in denen eine Fülle von Figuren auftritt, wobei die Handlung auch noch durch Rückblenden verkompliziert wird. Martins Beja hat einiges gestrichen oder umgestellt, wobei es ihm aber nicht darum ging, das Stück stringenter zu machen, im Gegenteil: Die Uraufführung erinnert eher an einen Traum, in dem nie ganz klar wird, wie das alles zusammenhängt.

Fünf Personen stehen im Fokus der Inszenierung: der transsexuelle Kurde Yasar (Simon Zagermann), der 1956 aus Ungarn geflüchtete Gaspar (Steffen Höld), dessen Ex-Geliebte Tereza (Katja Jung) aus Prag, der chilenische Kommunist Guillermo (Florian von Manteuffel) - und das Waisenkind Mila Katz (Nicola Kirsch), das auf der Suche nach seiner Identität wie eine Fee durch das Stück geistert und die Handlungsfäden lose miteinander verbindet. Während das Theater von Flüchtlingen meist im aufklärerischen Reportagemodus berichtet, riskiert Weiss einen ganz anderen Ton. Sein Allerwelt hat etwas Utopisches: eine Flüchtlingssiedlung, in der entwurzelte Menschen in der Sprache eine neue Heimat finden.

Schauspielhaus, Fr 20.00


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