Film Neu im Kino

Der Narr als König: "Viva la libertà"

Lexikon | GERHARD MIDDING | aus FALTER 14/14 vom 02.04.2014

Verdis "Die Macht des Schicksals" liefert das verschmitzte Leitmotiv dieser Politsatire. Die "Sinfonia" der Oper erklingt als Auftakt einer Wahlveranstaltung, auf der Enrico Oliveri (Toni Servillo) sprechen soll. Seine Berater drängen zur Eile, aber der Führer der linken Opposition hält inne, um seine Schnürsenkel zu binden. Erstes Misstrauen ist gesät, ob er noch Schritt halten kann. Ein Hoffnungsträger ist er beileibe nicht. Tiefe Schwermut hat ihn ergriffen, die sich nicht nur den schlechten Umfragewerten verdankt. Ohne Vorwarnung nimmt er sich eines Tages eine Auszeit. Während seine Entourage verzweifelt versucht, Herr der Lage zu bleiben, sucht er in Paris Zuflucht bei Danielle (Valeria Bruni Tedeschi), mit der ihn eine verlorene Liebe und bewahrte Freundschaft verbinden.

Oliveris Assistent hofft unterdessen, von dessen Bruder Giovanni Aufschluss über den Verbleib zu erhalten. Die beiden sind zwar seit 25 Jahren zerstritten, der Philosoph hat aber den Vorzug, der Zwilling des Verschollenen zu sein. Als Double scheint er denkbar ungeeignet; schließlich wurde er gerade erst aus der Psychiatrie entlassen. Seine Unverblümtheit erweist sich indes als prächtiges Wahlgeschenk. Während Enrico seine Freiheit genießt, nimmt sein Bruder mit diebischem Vergnügen das Heft in die Hand. Die Opposition ist begeistert, mit welchem Elan sich der Karrierist zum furchtlosen Instinktpolitiker wandelt: Der Narr entpuppt sich als der bessere König.

Toni Servillo ist ein Meister der disziplinierten Nonchalance. Er besitzt das Talent, Gesten Förmlichkeit zu verleihen und diese sodann zu widerrufen. Die beherrschte Depression Enricos geht ihm ebenso leicht von der Hand wie die somnambule Entschlossenheit Giovannis. Die dramaturgische Bewegung des Films führt mit sanfter Unerbittlichkeit vom Öffentlichen zum Privaten. Roberto Andò geht es in "Viva la libertà" nicht um eine karnevaleske Abrechnung mit dem Politgeschäft. Er nimmt die Konsequenzen des wunderlichen Austausches ernst: Der Schwindel bringt verdrängte Wahrheiten und Hoffnungen zutage. Manchmal gibt es gute Nachrichten aus der italienischen Politik.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Filmcasino)


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