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Bücher, kurz besprochen

Politik | Barbara Tóth | aus FALTER 15/14 vom 09.04.2014

Ein Stück Stoff, das aufregt

Was ist das Kopftuch? Zeichen von Unterdrückung muslimischer Frauen oder ein Stück Stoff, das Frauen aus freier Entscheidung anlegen und keine Rückschlüsse auf ihre Selbstständigkeit oder ihren Feminismus zulässt? Die Journalistin Petra Stuiber, langjährige Leiterin des Chronik-Ressorts im Standard und nun Chefin vom Dienst des Blattes, nähert sich in ihrem Buch "Kopftuchfrauen“ auf zwei Arten dieser schwierigen Frage. Sie hat zehn Kopftuchträgerinnen porträtiert, die alle irgendwie aus dem Schema fallen. Die muslimische Feministin Dudu Kücükgöl etwa, Vorstandsmitglied der Muslimischen Jugend Österreichs. Oder Renate Kaufmann, ehemals SPÖ-Bezirksvorsteherin in Wien-Mariahilf, die während ihrer schweren Krebserkrankung ein Kopftuch trug. Oder Selma C., die in Wahrheit anders heißt, eine Callcenter-Mitarbeiterin, die dem Klischee der unterdrückten muslimischen Frau am nächsten kommt, aber unter Zusicherung von Anonymität Stuiber von ihren kleinen Momenten des häuslichen Aufbegehrens erzählt hat.

Was Stuiber mit ihren Porträts aussagen möchte, wird schnell klar: Warum jemand ein Kopftuch trägt, kann sehr individuelle Gründe haben. Pauschalurteile werden dem umstrittenen Stück Stoff nicht gerecht. Diesen Gedanken unterstützt die Journalistin auch im ersten Teil ihres Buches, in dem sie eine kluge Zusammenfassung der "Kopftuchdebatte“ liefert - inklusive ausführlicher Darstellung der wichtigsten Protagonisten, von Thilo Sarrazin über Alice Schwarzer (beides Gegner des Kopftuches) bis zur US-Philosophin und Feministin Judith Butler, die davor warnt, dass die Kopftuchdebatte die Frauenbewegung spalten könnte.

Petra Stuiber: Kopftuchfrauen. Ein Stück Stoff, das aufregt. Mit Fotos von Katharina Roßboth. Czernin, 208 S., € 19,90


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