Furie des Verschwindens: die Spiluttini-Ausstellung "Täuschung und Leere“

Feuilleton | Nicole Scheyerer | aus FALTER 15/14 vom 09.04.2014

Die Fotografien von Margherita Spiluttini machen definitiv süchtig nach Architektur. Sofort möchte man das Original aufsuchen, das in seiner Geometrie, seinen Oberflächen und Lichtwirkungen hier so überzeugend entgegentritt. Wer allerdings in Spiluttinis aktueller Schau "Täuschung und Leere“ den Impuls zum Reality-Check verspürt, könnte leicht schwermütig werden, denn es handelt sich fast nur um so nicht mehr existierende Architekturen.

Für die Präsentation ihrer Archivauswahl wandte die Fotografin einen gelungenen Kunstgriff an. Ihre Bilder hängen auf Fototapeten, die die leeren Hallen der Generali Foundation zeigen und so eine künstliche Raumtiefe erzeugen. Egal, ob die Fensterreihen des Gasometers, die weiß-orangen Fliesenbänder des Hallenbads im Südbahnhotel am Semmering oder die inzwischen entfernte Doppelsitzreihe für Liebespaare im Gartenbaukino: Spiluttinis Fotografien wirken trotz ihrer linearen Strenge nie bloß nüchtern.

Mit Aufnahmen wie der von Hermann Czechs Bar im Palais Schwarzenberg oder dem Arbeitszimmer der Architektin Margarethe Schütte-Lihotzky erinnert sie zudem an kulturelle Soziotope und Angelpunkte, die - einmal verschwunden - sich nicht wieder woanders formieren.

Bilder von Scheinarchitekturen bietet der zweite Teil der Schau. Ein Foto der als Trompe-l’Œil gemalten Kuppel der Wiener Jesuitenkirche hängt Spiluttini neben eine Aufnahme der echten Michaelerkuppel, die wie eine Scheibe aussieht. Johann Bergls Wandgemälde im Stift Melk von 1763/64 führen in den Urwald zu exotischen Kreaturen. Der Illusionismus dieser "Renderings der Barockzeit“ fasziniert auch im digitalen Zeitalter noch.

Galerie Christine König, bis 3.5.


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