Zwischen Baker Street und Berggasse: Das Marschierpulver hat immer Saison

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 15/14 vom 09.04.2014

Die berühmteste Koksnase der Weltliteratur ist und bleibt Sherlock Holmes, dessen Erfinder Arthur Conan Doyle nur um drei Jahre jünger war als der große Seelenschnüffler Sigmund Freud. Zeitgleich mit dessen Studie "Über Coca“ erschien 1887 der erste Holmes-Roman "A Study in Scarlet“, und es ist kein Zufall, dass das weiße Pulver damals weniger als Droge denn als Zerebraltonikum verstanden wurde.

Bevor das Koks dann endgültig in die Hände der Yuppies gelangte und in deren Kreisen, wie man spätestens seit Bret Easton Ellis’ "American Psycho“ (1991) weiß, Schreckliches angerichtet hat, erlebte es im Frühwerk von Robert Menasse eine späte Karriere als Intelligenzlerstimulans: Davor und danach bleiben die hegelianischen Kokainräusche eher rar, und bei Thomas Glavinic führt "das Weiße“ dann ohnedies nur mehr in die schlimmste Paranoia und zu dem ziemlich unglaubwürdigen Plot von "Lisa“ (2011).

Die Aura antibürgerlicher, sexuell enthemmter Dekadenz wurde vom italienischen Schriftsteller und Journalisten Pitigrilli in dessen Skandalroman "Cocaina“ (1922) festgeschrieben; ein anderer Koksklassiker - "Roman mit Kokain“ - erschien 15 Jahre später unter dem Pseudonym M. Agejew, hinter dem lange Zeit Vladimir Nabokov vermutet wurde, in Wirklichkeit aber Mark Levi (1898-1973) steckte.

Das Beste kommt zum Schluss: In A.F.Th. van der Heijdens Roman "Der Gerichtshof der Barmherzigkeit“ (1996 im niederländischen Original erschienen und Teil des mehr als 3000 Seiten und sehr viele Räusche umfassenden Zyklus "Die zahnlose Zeit“) durchlebt Albert Egberts seine legendäre "Schneenacht im September“, ein literarisch fulminanter Trip durchs nächtliche Amsterdam, der sich über 70 Seiten hinzieht.


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