Selbstversuch

Nicht die schlechteste Lektion übers Leben

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 15/14 vom 09.04.2014

Doris Knecht ist das wirklich vollkommen egal

Lady Gaga sei am Ende, entnehme ich dem Auskennermedium Vice, und das Ende sei bitter. Das lässt mich unendlich unberührt. Mir war Lady Gaga immer komplett wurscht, und die Behauptung, dass sie die legitime Erbin von Madonna sei, war stets inakzeptabel. Madonna hatte im Unterschied zu Gaga nämlich etwas zu sagen, ihre Songs und Videos prägten und kommentierten die Gegenwart, und das Scheiß-dir-nix, das sie uns Frauen zurief, haben wir gehört. Und das tat und tut Gaga eben exakt nicht, sie ist nur eine mittelmäßige Sängerin, weniger eine Kunst- denn eine künstliche Figur, die sich von geltungssüchtigen Designern in schreckliche, frauen-, menschen-, ja selbst tiereverachtende Fetzen und in kriminelle Fußbehälter hat stecken lassen. Was stets fremdbestimmt wirkte und sich letztlich zu ihrer Gesamtbotschaft summierte: dass sie eine Frau ist, die sich diese Sorte roher, aufgesetzter Verformung und Karikierung für 15 Minuten Ruhm gefallen lässt.

Man kann nur froh sein, dass diese Botschaft bei den Mädels von heute nicht wirklich angekommen ist, die tragen doch lieber Jeans, Sneakers, lange Hemden und dicke Augenbrauen wie Cara Delevingne, die zwar auch nichts zu sagen hat, aber es auch nicht behauptet. Sie macht ihren Job, hat offensichtlich Freude am Leben, knutscht ungeniert mit Frauen und es scheint ihr überhaupt insgesamt reichlich egal zu sein, was irgendwer über sie denkt, was als Daseinsvorbildkonzept, wenn junge Menscher derlei denn schon einmal brauchen, unbedenklich bis begrüßenswert scheint.

So gesehen ist es mir auch recht, dass "How I Met Your Mother“ endlich am Ende ist und "Greys Anatomy“ glücklicherweise jegliche Faszination verloren hat. So schauen wir jetzt "New Girl“, eine von Serien-Cracks sträflich unterschätzte, weil wirklich lässige Serie. Vor allem eine, bei der es einem nicht vor lauter Gutegüte die letzten Synapsen zusammenjodelt, wie zum Beispiel bei "Germany’s Next Topmodel“, wo man nun wirklich komplett dagegen ist, so ein letzter Scheiß bitte!, aber drei zu eins.

"New Girl“ dagegen: Eine meinetwegen nicht völlig glaubwürdige WG aus betörend dysfunktionalen Spinnerinnen und Spinnern, die ihre sorgfältig gepflegten Individualspleens keineswegs dem gesellschaftlichen Mainstream zu opfern bereit sind, vielmehr werden diese auf den Generalplan hin optimiert, dass sich die Gesellschaft und ihre Standards demnächst ihrer eigenen Geworfenheit anpassen werden. Was unerklärlicherweise nie geschieht, die Protagonisten aber an der forcierten Kultivierung der Spinnertheit keineswegs hindert: nicht die schlechteste Lektion übers Leben. Außerdem ist es nicht nur lustig, sondern manchmal geradezu exzessiv albern. Fallbern, sozusagen: Wäre "New Girl“ eine Talkshow, wär es Jimmy Fallon, unser aller neuer Liebling, der Mann mit der großartigsten Stimme der Welt. Nie habe ich einen erwachsenen Mann schöner sprechen gehört. Und lachen.


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