"Wir sind nicht Rammstein"

Das slowenische Bandkollektiv Laibach präsentiert sein neues Album "Spectre" in der Arena

Lexikon | Interview: Sebastian Fasthuber | aus FALTER 15/14 vom 09.04.2014


Foto: Maya Nightingale

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Sieben Jahre nach ihrem letzten Album „Volk“ veröffentlichten Laibach mit „Spectre“ kürzlich eine brachiale neue Platte über Utopien, Revolution, Europa und die Krise. Dazwischen hatte das slowenische Kollektiv mit dem Faible für totalitäre Ideologien den Soundtrack zur Science-Fiction-Komödie „Iron Sky“ geschrieben, Theatermusik gemacht und Bachs „Kunst der Fuge“ adaptiert. Vor ihrem Wien-Besuch telefonierte der Falter mit Laibach-Sänger Milan Fras.

Falter: Ihrem Pressetext zufolge ist die Zeit des Spiels mit Zweideutigkeiten für Laibach vorbei. Stimmt das?

Milan Fras: Nicht wirklich. Ambivalenzen werden immer ein Teil unserer Arbeit bleiben. Laibach würden missverstanden werden, wenn man uns nicht missverstehen würde.

Warum gab es jetzt so lang kein neues Laibach-Album?

Fras: Weil das ein komplexes Projekt ist. Besonders wenn man etwas schaffen will, das auch einen selbst herausfordert. Klappt es, ist es sinnvoll, ein Album herauszubringen. Klappt es nicht, muss man eben einen Sinn drumherum konstruieren.

Welche Ideen stehen hinter „Spectre“?

Fras: Wir wurden natürlich von den Ereignissen in den letzten Jahren beeinflusst, vom ökonomischen Zusammenbruch und von den diversen sozialen und politischen Krisen in Europa und dem Rest der Welt. Der desaströse Zustand der Musikindustrie und der Popkultur hat sich ebenfalls auf „Spectre“ ausgewirkt. Wir alle müssen das Alphabet des Musikgeschäfts neu erlernen.

Hießen Sie Rammstein, müssten Sie sich um Geld nicht sorgen. Rammstein haben viel von Laibach kopiert und massentauglich aufbereitet. Hat Sie ihr Erfolg überrascht?

Fras: Nicht wirklich. Wir wussten immer, dass Laibach auch über kommerzielles Potenzial verfügt. Wären wir Rammstein, würden wir agieren wie sie. Aber wir sind nicht Rammstein.

Sie haben Rammstein immerhin einmal remixt. Wie lief das ab?

Fras: Sie haben uns höflich dazu eingeladen, und wir haben diese Einladung höflich angenommen.

Die Gegend in Slowenien, aus der Sie kommen, wird von geschlossenen Fabriken und Ruinen bestimmt. Laibach gründeten sich 1980, dem Jahr, als Tito starb. Wie stark hat Sie das beeinflusst?

Fras: Signifikant. Als Tito starb, begann alles auseinanderzufallen. Und auf eine gewisse Weise fällt es bis heute. Deshalb glauben wir, dass das wahre Problem Europas gerade das Fehlen eines authentischen europäischen Totalitarismus sein könnte. Spuren des alten Totalitarismus finden sich immer noch, aber man muss schon nach ihnen suchen. Realer und gefährlicher ist für uns der importierte Totalitarismus, der von anderen Kontinenten zu uns kommt: durch Informationstechnologien, transkontinentale Allianzen, Konzerne und Netzwerke.

Europa ist ein großes Thema von Laibach. Wie definieren Sie Europa?

Fras: Wir wollen, dass Europa vom Atlantik bis zum Pazifik reicht. Sollte das unmöglich sein, wollen wir zumindest in Europa Europa haben. Der Nordwesten des Kontinents sollte sich dazu aktiver und radikaler mit dem Südosten vermischen. Säfte müssen ausgetauscht werden, damit wir die Balance besser hinbekommen.

Wie sieht es mit der EU aus?

Fras: Die ist wichtig, wenn Europa eine Rolle in der Welt spielen will. Man kann natürlich nicht leugnen, dass sich Europa aus vielen Regionen und Unterschieden zusammensetzt – und aus Nationalstaaten, die sich noch vorrangig nach nationalen Gesichtspunkten definieren. Wahrscheinlich wird das Europa der Nationen erst mit dem Absterben des Kapitalismus verschwinden. Dann erst kann Europa wirklich wahr werden.

Das diffuse Gefühl, dass sich dringend etwas ändern muss, ist momentan sehr ausgeprägt.

Fras: Ach, die Welt verändert sich doch ohnehin ständig. Wir interessieren uns eher für ein Modell, das Veränderung obsolet machen würde. Um wirklich etwas zu verändern, müsste man eine Art Realität erschaffen, die das Diktat der Zeit abschafft.

Vielleicht ist Ihnen das sogar schon gelungen: Laibachs künstlerische Identität ist sehr konstant.

Fras: Es mag paradox klingen, aber wir haben uns nur verändert, wenn dies notwendig war, um Laibach bleiben zu können.

Zu Ihren bekanntesten Coverversionen zählt eine Interpretation von „Live Is Life“. Haben Opus je darauf reagiert?

Fras: Sie sind einmal als Laibach verkleidet in einer TV-Sendung aufgetreten und haben „Live Is Life“ in unserem Stil zu spielen begonnen. Mittendrin wurden sie wieder zu sich selbst, was für alle Beteiligten eine Erleichterung gewesen sein muss.

Arena, Di 20.00


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