Ein Hamlet'scher "Ivanov", psychisch erschöpft am Schauspielhaus

Lexikon | Theaterkritik: Hermann Götz | aus FALTER 16/14 vom 16.04.2014

Die Ödnis der Provinz, die Lange weile, der Alkohol. Sie sind Hauptakteure in Anton Tschechows Dramen, wobei diese Trias in Tschechows Russland aus heutiger Sicht von nur mehr schwer nachvollziehbarem Ausmaß gewesen sein muss. Was dieser Tage hingegen gut verständlich erscheint, ist der Seelenzustand, den er seinem Titelhelden "Ivanov" zuschreibt: die psychische Erschöpfung eines abgehalfterten Visionärs - Burnout.

Tschechows allzu menschlicher Übermensch leidet an seinem Versagen und an seiner Schuld, andere ebenso fundamental zu enttäuschen wie sich selbst. Das Ensemble unter der Regie von Jan Jochymski wird durch den in großen Rollen versierten Marco Albrecht als Titelhelden verstärkt. Vielleicht ist es diese nicht ganz geplante Gesamtkonstellation, die letztlich ein seltsames Ergebnis zeitigt: Denn so sehr die Inszenierung im Detail gelingt, so wenig funktioniert sie im Ganzen. Wir erleben einen Ivanov, der unter großem Einsatz strauchelt, sich windet, jammert und krümmt, wir erleben Katharina Klar und Jan Thümer, die in wichtigen Rollen glänzen, schönes Spiel von Franz Xaver Zach und Margarethe Tiesel, feine Komik von Pia Luise Händler oder Christoph Rothenbuchner. Die Bühne von Raimund Orfeo Voigt und Denise Heschl gibt einen imposanten Rahmen vor, in dem die Weite eines Getreidefeldes mit der staubigen Schwere alter Teppiche kontrastiert. Doch genauso kontrastieren die darstellerischen Mittel. Der Abend schlenkert zwischen Psychologie und Ironie, text- und körperbetontem Spiel - unentschlossen wie sein Hamlet'scher Held.

Schauspielhaus Graz, Di 19.30


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