Film Neu im Kino

Französisches Kino 1: "Molière auf dem Fahrrad"

Lexikon | Gerhard Midding | aus FALTER 16/14 vom 16.04.2014

Über eine Million Zuschauer scharte dieser Film bereits wenige Wochen nach seinem Kinostart in Frankreich um sich, obwohl in ihm nicht viel mehr passiert, als dass zwei Schauspieler ein Stück von Molière einstudieren. Es ist ein Duell der gegensätzlichen Prinzipien und Temperamente, das Philippe Le Guay seine Stars in "Molière auf dem Fahrrad" (Originaltitel: "Alceste à bicyclette") austragen lässt.

Serge Tanneur (Fabrice Lucchini) ist glühender Traditionalist und hat sich aus Abscheu aus dem Geschäft zurückgezogen. Gauthier Valence (Lambert Wilson) ist als Star einer TV-Serie unzüchtig populär geworden und will sich nun künstlerisch rehabilitieren. Dafür hat er ausgerechnet ein Stück gewählt, das die Messlatte ganz oben anlegt: "Der Menschenfeind". Mithin leistet Serge empört Widerstand. Aber wer weiß, ob sein Nein nach ein paar Tagen nicht doch widerruflich sein wird? Vorsichtshalber entscheiden sie vor jeder Probe mit einer Münze, wer welche Rolle übernimmt.

Dabei sind die Karten eigentlich längst verteilt. Natürlich entspricht Serge Alceste, der nach strengen Grundsätzen über die Menschheit urteilt. Gauthier wiederum ist geschmeidig wie Philinte, er achtet die Konventionen der Höflichkeit. Aber Le Guay mischt das Blatt regelmäßig neu. Ein wechselseitiges Umwerben beginnt. Sie arbeiten mit heftiger, komplizenhafter Hingabe am Text. Die Alexandriner Molières, obwohl 450 Jahre alt, vibrieren. Die wortverliebten Darsteller haben diebisches Vergnügen am Miteinander; Le Guay filmt sie mit stolzer, agiler Genügsamkeit. Der Anblick ihres berauschten Spiels und der gedankenvollen Pausen ist ihm Attraktion genug.

Allerdings schadet es nicht, dass die Italienerin Francesca (Maya Sansa) zusätzlichen Elan in die Zweisamkeit bringt. Sie ist kein Gegenstück zu Molières koketter Célimène, sondern begegnet dem Narzissmus der Männer mit freundlicher Skepsis. Bei aller Zuneigung zu seinen Figuren übertreibt es der Regisseur nicht mit der Nachsicht. Sie sind zu Heuchelei und Verrat fähig. Am Ende steht köstliche Wehmut. Es ging nie nur um Molière, sondern darum, das Leben neu zu entdecken.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Votiv)


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