Enthusiasmuskolumne Diesmal: die beste Ostermusik der Welt der Woche

Ach, Bach: Mach das Licht an, Jesu Christ!

Feuilleton | Wolfgang Kralicek | aus FALTER 16/14 vom 16.04.2014

Zu Ostern streicht der brave Christenmensch nur auf die Pinze die Butter. Wenn es ihn nach Fleisch gelüstet, greift er zum Osterschinken, und wenn es ihn dürstet, labt er sich - man hat's nicht leicht -am schweren Bockbier. Aber ist das genug? Nein, es muss schon auch Bach sein.

Aber was von Bach? Das geistliche Kantatenwerk des Thomaskantors ist zwar schier unerschöpflich, bietet für die Osterfeiertage aber erstaunlich wenig Material. Der niederländische Schriftsteller und glühende Bach-Fan Maarten 't Hart glaubt, dass der Komponist sich für den Tod einfach mehr interessiert hat als für die Auferstehung, also den Sieg über den Tod. Abgesehen davon war der Karfreitag für den Protestanten Bach einfach wichtiger als das Osterfest.

Ein paar passende Stücke aber finden sich natürlich trotzdem. Das vielleicht schönste: "Bleib bei uns, denn es will Abend werden" (BWV 6) aus dem zweiten Leipziger Kantatenjahrgang (Ostermontag 1725). Der Titel ist ein Zitat aus dem Lukasevangelium. Zwei Apostel begegnen in Emmaus dem auferstandenen Jesus. Sie erkennen ihn nicht, laden ihn aber ein, die Nacht bei ihnen zu verbringen: "Bleib bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt."

Die Kantate interpretiert diesen Satz metaphorisch; das Bild von der Lichtgestalt, die die Welt vor der Finsternis bewahren soll, zieht sich durch das ganze Werk. Die Kantate ist relativ kurz, bietet dafür aber ausschließlich Höhepunkte: den innigen Eingangschor, den schlichten Sopranchoral mit der spektakulären Cellobegleitung, die ergreifenden Arien (Alt, Tenor).

Obwohl ständig das Licht besungen wird, klingt die Kantate nur verhalten optimistisch; Trauer scheint die Hoffnung zu überwiegen. Wer Bachs Zweifel an der frohen Osterbotschaft teilt, findet Trost in dieser Musik.


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