Avantgarde und Nussschnaps

Intendant Tomas Zierhofer-Kin über das zehnte von ihm kuratierte Donaufestival in Krems

INTERVIEW: GERHARD STÖGER | aus FALTER 17/14 vom 23.04.2014


Christian Fennesz (Foto: Donaufestival)

Christian Fennesz (Foto: Donaufestival)

Seit zehn Jahren leitet Tomas Zierhofer-Kin, 45, das Donaufestival, und seit zehn Jahren gilt es mit seiner Mischung aus avanciertem Pop, modernen Theaterformen, Techno-Partys, Kunst und Diskurs als hipstes Festival des Landes. Die Jubiläumsausgabe des „Donaufestival neu“ findet an den kommenden beiden Wochenenden in Krems statt.

Falter: Das „Donaufestival neu“ verbindet experimentierfreudige Musik seit zehn Jahren mit Performance, bildender Kunst, Film und Diskurs. Wie kam es zu dieser Mischung?

Tomas Zierhofer-Kin: Ich hatte den Auftrag, ein Festival für zeitgenössische Kunstformen zu entwickeln und bin ursprünglich von neuen Arten des Theaters ausgegangen. All dem also, was es im damals noch sehr autorentheaterlastigen Wien nicht gab: ein Theater, das nicht mehr auf der bildungsbürgerlichen Tradition aufbaut, sondern für popkulturell Sozialisierte interessant ist. Wir haben das dann mit verschiedenen Subkulturformen kombiniert. In seinem intermedialen Ansatz ist das Donaufestival ja eine Art Chamäleon, wobei die Chance groß ist, dass Menschen, die wegen einer bestimmten Kunstform kommen, auch in etwas anderes hineinschauen und dann plötzlich ganz begeistert davon sind.

Wie gefallen den Avantgardekünstlern denn ihre Ausflügen
in die Provinz, landen die auch
mal beim lokalen Winzer?

Zierhofer-Kin: Durchaus, ja. Anfangs hatten wir ein bisschen Angst, wie die Künstler, die großstädtische Standards gewohnt sind, auf dieses Umfeld reagieren werden. Es hat sich aber schnell gezeigt, dass sie vom Ambiente geplättet sind. Es ist schon vorgekommen, dass wir frühmorgens Leute auflesen mussten, die mit dem Kellner vom Heurigen noch mit nach Hause gegangen waren, um den eigenen Nussschnaps zu kosten.

Der Begriff „Krise“ war in den letzten Jahren omnipräsent. Wie wirken sich schwierige Zeiten auf die Kunst aus?

Zierhofer-Kin: Genau davon handelt das Festival heuer. Es gibt viele Künstler, die sich ganz anders als der mediale Mainstream mit der sogenannten Krise auseinandersetzen. Keith Hennessy thematisiert mit dem Stück „Turbulence. A Dance About the Economy“ etwa nicht nur die Frage, was diese Bankenkrise bedeutet, sondern ganz generell unsere Sicht der Welt. Über die Ökonomie hinaus geht es also auch um die ökologische Krise, darum, wie Menschen miteinander umgehen, und um neue, nicht hierarchische Gesellschaftsmodelle.

Inwiefern kann denn die
Kunst dazu beitragen?

Zierhofer-Kin: Das ist eine so alte wie schwierige Frage. Ich glaube nicht daran, dass ein Stück die Welt verändert, aber es kann einer Gruppe von Menschen etwas aufzeigen.

Sie haben einige künstlerische Stammgäste, etwa die Sängerin Peaches und die Band Xiu Xiu.

Zierhofer-Kin: Es ist für den speziellen Charakter eines Festival enorm wichtig, langjährig Artists in Residence zu haben. Leute also, deren Schaffen man begleitet und deren Arbeit sich im Lauf der Jahre mit einem verändert. Peaches ist jetzt zum dritten Mal dabei. Nach ihrem ersten Auftritt hat sie mir ihrer Handynummer und ihre private E-Mail-Adresse gegeben und gemeint, dass sie das Festival super fände und gerne etwas für uns machen würde. So etwas ist immer besonders schön: Wenn man gemeinsam mit den Künstlern etwas entwickeln kann und nicht mehr mit ihren Agenten arbeiten muss.

Gibt es jemanden, um den Sie sich bisher erfolglos bemüht haben?

Zierhofer-Kin: Ja, Scott Walker. Vor zehn Jahren habe ich ganz naiv wegen eines Auftritts angefragt und nur ein „haha, lustig!“ zur Antwort bekommen. Inzwischen kenne ich zumindest ein paar Leute, die wiederum ihn kennen. Die versprechen mir, dass ich es als Erster erfahre, sollte er tatsächlich wieder einmal auftreten.

Was sollte man beim Donaufestival heuer keinesfalls versäumen?

Zierhofer-Kin: Es ist immer schwierig, wenn ein Vater nach seinem Lieblingskind gefragt wird. Aber um zwei ganz unterschiedliche Dinge zu nennen: Santiago Sierra macht eine neue Arbeit für uns, „The Krems Project“. Häftlinge der Justizanstalt Stein wurden mit einer Lampe bestrahlt, die so etwas Ähnliches wie eine Nahtoderfahrung bewirkt. Was dabei herauskommt, sehen wir zur Eröffnung am ersten Wochenende. Zum Abschluss haben wir dann Peter Rehberg mit seiner Editions-Mego-Labelfamilie zu Gast. Mego hat sich im Lauf der Zeit von einem noisigen Laptop-Aktivisten-Label in total verschiedene, ganz neue Bereiche aufgesplittet. Das gebündelt an einem Tag zu hören ist schon sehr spannend.

Donaufestival: 25. und 26.4. und 30.4. bis 3.5., Krems. Information: www.donaufestival.at


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